Abbes Stiftungswerk



Mit dem quantitativen Wachstum des Zeiss-Unternehmens und von Schott & Genossen steigerten sich auch die erzielten Gewinne erheblich. Ernst Abbe verfügte damit in immer höherem Maße über die Mittel, um bezogen auf die Unternehmen, die Universität und die Stadt Jena seine sozialpolitischen Vorstellungen zu verwirklichen, die dann in der Stiftungsidee kulminierten.

In seinen sozialpolitischen Bemühungen ließ sich Abbe von zwei Hauptideen leiten: "Erstens die Auffassung von den durch das öffentliche Interesse bedingten Pflichten des industriellen Großbetriebs und [zweitens] der Gedanke der Gerechtigkeit, der die Beziehungen des Unternehmers zu allen Arbeitern beherrschen soll."FN1 Für Abbe hatte der Unternehmer eine öffentliche Funktion zu erfüllen, die in der Verwaltung der nationalen Arbeitskraft in der Wirtschaftstätigkeit des Volkes besteht. Insofern hatte er nicht nur ein partikulares privates Interesse zu vertreten, sondern eine nationale Aufgabe zu erfüllen. Abbe war deshalb auch ein entschiedener Gegner der Klassenkampfidee. Auf Basis des von ihm angestrebten Interessenausgleichs zwischen Arbeitern und Unternehmern konnte die Losung nicht sein, "Arbeiter gegen Unternehmer", sondern "fortgeschrittene Arbeiter und fortgeschrittene Unternehmer gegen rückständige Arbeiter und rückständige Unternehmer". Er ging von der festen Überzeugung aus, daß die Erträge der Unternehmen auch dem Fleiße der Arbeiter zu verdanken seien, woraus sich ein Anspruch an Beteiligung am Reingewinn ableite. Zugleich achtete er den Beitrag des Unternehmers und die Bedeutung der geistigen Arbeit für das Unternehmen sehr hoch. Interessenausgleich bedeutet für ihn deshalb nicht Mitbestimmung in dem Sinne, daß jeder Werksangehörige die gleichen Rechte bei der Bestimmung der Unternehmenspolitik und der Unternehmensleitung habe. Für ihn war "der einfältigste Unternehmer immer noch der gescheitesten Genossenschaft voraus."FN2

Abbe sah es als glücklichen Umstand an, daß er sich im Studium und durch die Arbeit an der Universität die geistigen Voraussetzungen herausbilden konnte, auf deren Basis er sein wissenschaftliches und unternehmerisches Werk schaffen konnte. Er hatte aber auch die gravierenden Unzulänglichkeiten der Universität kennengelernt, und so sah er es jetzt, nachdem er über die nötigen Mittel verfügte, als seine Dankespflicht an, der Jenaer Universität ihren Anteil an seinem Aufstieg nun materiell zu danken, zumal er sich von einer solchen Hilfe nicht nur wünschenswerte Rückwirkungen auf das eigene Werk versprach, sondern hierin ein Mittel sah, die geistigen Ressourcen der Nation in umfassender Weise zu entwickeln und zu nutzen. In Anbetracht der von ihm selbst durchlebten schwierigen Situation nahezu mittelloser junger Privatdozenten, des erbärmlichen Zustands der Institute, Laboratorien und der allgemeinen Ausstattung, suchte er nach einem Weg, der Universität in einer Weise zu helfen, die den Prozeß der Entwicklung einer modernen, konkurrenzfähigen Universität effektiv fördern sollte. Abbe hatte in seiner eigenen Entwicklung und durch langjährige Kenntnis der Universität erfahren, daß wissenschaftliche Bedeutsamkeit und Honorierung durch öffentliches Interesse und materielle Vergütung nicht immer übereinstimmten. Das Beispiel Gottlob Freges stand ihm dabei unmittelbar vor Augen. Wie Koch hervorhebt, "... empfand es Abbe als ungerecht, daß einige seiner Universitätskollegen neben ihren langsam ansteigenden Gehältern und Honoraren aus literarischer Tätigkeit auch noch Bezüge aus der Nutzung ihrer Erfindungen buchen konnten, was oftmals das Mehrfache ihres Gehalts ausmachte, daß aber gleichzeitig andere Kollegen für ihre mühselig erarbeiteten Werke kaum einen Absatz fanden, weil der Interessentenkreis viel zu eng war."FN3 Es war deshalb für Abbe nur konsequent, daß er im März 1885, nachdem er als Gesellschafter in das Glastechnische Laboratorium Schott & Genossen eingetreten war, auf die 1500 Mark Professorengehalt und die 900 Mark Vergütung als Direktor der Sternwarte verzichtete, obwohl er diese Aufgaben weiter wahrnahm.



Der Ministerialfonds
für wissenschaftliche Zwecke


Ernst Abbe um 1880

Den ersten Schritt zur Gründung der Carl-Zeiss-Stiftung ging Abbe am 13. Mai 1886 mit der Errichtung des Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke. Abbe verpflichtete sich, der Universität vom 1. April an jährlich 6000 Mk für die Förderung der Lehrtätigkeit und der Forschung innerhalb des mathematisch-naturwissenschaftlichen Lehrgebietes zu überweisen. Gefördert werden sollten Lehrkräfte, vor allem Extraordinarien und Privatdozenten, die materielle Ausstattung sollte verbessert werden, es sollte der Bestand der Universitätsbibliothek durch mathematisch-naturwissenschaftliche Literatur aufgestockt werden, und schließlich sollte auch die Jenaer Medizinisch-Naturwissenschaftliche Gesellschaft unterstützt werden. Dabei war der Fonds auf solche Maßnahmen gerichtet, die zwar wünschenswert waren, aber nicht mit staatlichen Mitteln finanziert werden konnten. Der Fonds sollte durch das Staatsministerium verwaltet werden. Für die erste Verteilung der Mittel bat er um die Berücksichtigung einiger Vorschläge, von denen einer war, Gottlob Frege so zu unterstützen, daß dieser ein Einkommen von 2000 Mk jährlich erreichen konnte.

Eine für Abbe sehr wichtige Forderung bestand darin, daß außer den Unterzeichnern im Staatsministerium, dem Universitätskurator, Abbes Frau und natürlich Abbe selbst niemand etwas von der Quelle des Fonds erfahren sollte.

Schon bald machte Abbe auch von dem festgelegten Recht Gebrauch, die Mittelzuweisung zu erhöhen. Bereits am 1. 4. 1888 wurde der Fonds auf 10000 Mk und kurz danach auf 20000 Mk erhöht. Ebenfalls unter dem Siegel der Verschwiegenheit finanzierte Abbe 1887 den Grundstückserwerb und Bau der neuen Sternwarte.

Für Abbe war die Errichtung des Ministerialfonds aber nur ein erster und eher unbedeutender Schritt auf dem Wege zur Verwirklichung seiner sozialpolitischen Vorstellungen in dem Bereich, der unmittelbar von seinen Entscheidungen abhing.

Er betrachtete sich eher als zeitweiliger Verwalter des ihm zugefallenen Vermögens, das Nutzungsrecht daran komme aber allen zu, die an seiner Entstehung Anteil haben. Eine Zeitlang neigte er der Idee zu, sein gesamtes Vermögen dem Staat für Universitätsbelange zu stiften. An diesem Verfahren stieß ihn aber dann doch ab, daß sein Unternehmen dann ein Staatsbetrieb geworden wäre, was er als wenig perspektivreich für die weitere Entwicklung des Unternehmens ansah.


Die Carl-Zeiss-Stiftung


Der dann beschrittene Weg, über eine Stiftung das Unternehmen in eine juristische Person zu verwandeln, der Abbe den von ihm zu entscheidenden Geschäftsanteil und andere Vermögenswerte überlassen werden sollte, beruhte auf einem Vorschlag des Juristen Regierungsrat Dr. Rothe aus dem Staatsministerium Weimar. Der Fortbestand der Stiftung über den Tod des Stifters hinaus sollte nach der Idee Rothes, die Abbe mit Begeisterung aufgriff, durch eine Regelung zur Aufteilung des Abbeschen Erbes, die zwischen Abbe und der Stiftung abzuschließen wäre, gesichert werden. Nach einer notwendigen Verhandlungs- und Ausformulierungsphase wurde am 19. Mai 1889 die Stiftungsurkunde und am 23. und 28. Mai 1889 der Erbeinsetzungsvertrag unterzeichnet. Zwischen diesen beiden Akten bestätigte der Großherzog von Sachsen-Weimar am 21. Mai die Stiftung und erhob sie zur Juristischen Person.

Regierungsrat Dr. Rothe

Im Mittelpunkt der Stiftungsurkunde steht die Universität, für die ein weit über den Ministerialfonds hinausgehendes Förderprogramm festgelegt wurde. Grundlage der Stiftung aber sind die Stiftungsbetriebe. Als Zwecke der Stiftung werden im  1 der Stiftungsurkunde festgelegt:

"A. Pflege der Zweige wissenschaftlicher Industrie, welche durch die Optische Werkstätte von Carl Zeiss und die Glasschmelzerei der Firma Schott & Gen. unter meiner Mitwirkung in Jena eingebürgert worden sind - durch Anteilnahme an der späteren Verwaltung dieser beiden Institute nach Maßgabe der bestehenden Verträge und der im Folgenden enthaltenen Anordnungen.

B. Förderung mathematisch-naturwissenschaftlicher Studien in Forschung und Lehre durch Zuwendung von Mitteln hierfür an die Universität Jena gemäß den nachfolgenden besonderen Bestimmungen."FN4

Die geradezu als Leitmotiv über der Stiftung stehende Verbindung von Wissenschaft und Industrie wird auch durch die in Dankbarkeit und Würdigung der Verdienste von Carl Zeiß im  2 geregelte Namensgebung unterstrichen:

"Die Stiftung soll für alle Zeit den Namen

Carl-Zeiss-Stiftung

führen zu Ehren des Mannes, der zu obengenannten Unternehmungen den ersten Grund gelegt hat, und zur dauernden Erinnerung an sein eigenartiges Verdienst: auf seinem Arbeitsfeld zielbewußt das Zusammenwirken von Wissenschaft und technischer Kunst angebahnt zu haben." Carl Zeiß war am 3. Dezember 1888 verstorben und konnte so nur noch mit seinem Namen in Abbes Stiftungswerk eintreten, für das er die Grundlagen gelegt hatte.

Carl Zeiß

Es ist sicher als Zeichen der großen Bescheidenheit Abbes zu werten, wenn er sich selbst der Öffentlichkeit nicht als Stifter präsentieren wollte, und er hat für seine Lebenszeit festgelegte: "Die Stiftung ist s t r e n g g e h e i m z u h a l t e n und zu diesem Behuf auch ihre Wirksamkeit möglichst der Öffentlichkeit zu entziehen. Insoweit es während der angegebenen Zeit einer Bezeichnung der Stiftung überhaupt bedarf, soll man sich statt ihres wahren Namens der Bezeichnung 'Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke' bedienen."

Die Festlegungen zum Vermögen der Stiftung unterschieden scharf zwischen Lebzeiten des Stifters und den Mitteln, die mit testamentarischer Festlegung nach dem Tode Abbes bereitgestellt werden sollten. Zu Abbes Lebzeiten sollte das Stiftungsvermögen aus den Mitteln des Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke und - in ihrer Höhe noch nicht festgelegten - von Abbe zu bestimmenden Zuwendungen bestehen. Für den Ministerialfonds wird beginnend mit dem Jahr 1888 ein Betrag in Höhe von 20000 Mk jährlich bestimmt. Die "Letztwillige Zuwendung" wird im  7 folgendermaßen bestimmt: Behufs endgültiger und dauerhafter Erfüllung der Zwecke der Stiftung verpflichte ich mich hierdurch, sofort, nachdem dieselbe die landesherrliche Bestätigung und die Rechte der juristischen Persönlichkeit erlangt haben wird, den aus der Anlage B ersichtlichen E r b v e r t r a g mit ihr abzuschließen. Durch diesen Vertrag wird die Stiftung Universalerbin meines dereinstigen Nachlasses. Als solche tritt sie nach meinem Tode unter den in demselben angegebenen Bedingungen und Bestimmungen, insbesondere auch gegen Übernahme der darin festgelegten Leistungen an meine Familienangehörigen und andere Personen, in alle Rechte und Pflichten ein, welche nach den bestehenden Gesellschaftsverträgen in Bezug auf die beiden im Eingang der gegenwärtigen Stiftungsurkunde erwähnten gewerblichen Unternehmungen mir und meinen Erben zustehen bezüglich obliegen."


Ernst Abbe

Abbe legt die Stiftung in der Stiftungsurkunde auf die Erfüllung hochgesteckter sozialer Zielstellungen fest: "Des weiteren weise ich der Stiftung die Aufgabe zu, jederzeit einzutreten für die Erfüllung der größeren sozialen Pflichten, welche ich nach meiner persönlichen Überzeugung den Gewerbsunternehmungen der Großindustrie zuweisen muß, und umsomehr den hiesigen Unternehmungen auferlegt sehe, als ich voraussetzen darf, daß diese auf lange Zeit eine wirtschaftlich besonders günstige Stellung einnehmen werden. Die Grenze dieser Pflichten ... muß seitens der Stiftung sich nicht bloß nach dem bestimmen, was die Gesetzgebung jeweils vorschreiben oder die herrschende Meinung der Unternehmerkreise für genügend befinden mag, sondern darüber hinaus nach dem Grade der eigenen Leistungsfähigkeit gegenüber der grundsätzlichen Forderung: die sozialen Schäden, welche die privatwirtschaftliche Entwicklung fabrikationsmäßiger Industriebetriebe zu begleiten pflegen, von dem Wirkungskreise der hiesigen Unternehmungen nach Möglichkeit abzuwenden."

Abbe hatte mit der Errichtung der Carl-Zeiss-Stiftung und dem Erbfolgevertrag sein großes Stiftungswerk auf den Weg gebracht, ohne es mit dem 1889 Erreichten bereits vollendet zu sehen. 1889 gehörte ihm nur die Hälfte des Zeiss-Werkes und ein Drittel der Firma Schott & Gen. Er war an die entsprechenden Gesellschafterverträge gebunden und hatte Rücksicht auf die anderen Gesellschafter zu nehmen. Allerdings endete diese Rücksichtnahme dort, wo die weitere gedeihliche Entwicklung des von Carl Zeiß begründeten Gesamtwerkes in Gefahr geriet. Diese Situation ergab sich bald nach Errichtung der Stiftung. Es wurde deutlich, daß trotz der großen Verdienste, die sich Roderich Zeiß noch zu Lebzeiten um die Firma erworben hatte, der nun ohne seinen Vater zu tragenden Verantwortung als Gesellschafter nicht gerecht werden konnte. Für Abbe wurde es unerträglich, mit dem jedes unternehmerische Risiko scheuenden Roderich Zeiß weiter zusammenzuarbeiten, der einseitig auf ein sicheres Auskommen orientiert und zu klaren Beschlüssen kaum fähig war. Wenn solche Beschlüsse doch gefaßt worden waren, stieß er diese nachträglich wieder um. Am 23. 11. 1889 war Abbe am Ende seiner Geduld angelangt und stellte R. Zeiß vor die Wahl: "Für jetzt bleibt also bei fortbestehendem Gesellschaftsverhältnis nur die Alternative: entweder ich ziehe mich von der Geschäftsführung ohne weitere Vertretung zurück oder Sie tun dieses. - Das Erstere, was ich, wenn eine anderweitige Vereinbarung nicht zustande kommt, als mein vertragsmäßiges Recht in Anspruch nehmen würde, biete ich Ihnen in erster Linie an. Wenn Sie ... sachlich den Anforderungen sich gewachsen fühlen und bereit sind, die Arbeitslast und persönliche Gebundenheit zu übernehmen, ... so wäre es für mich eine W o h l t a t, mich nunmehr von aller geschäftlichen Tätigkeit freizumachen und meinen wissenschaftlichen Studien unbehindert obliegen zu können ...
Wollen Sie d i e s e n Ausweg aus irgend welchen Gründen nicht, so bin ich erbötig - wie ich ja auch auf Ihr Verlangen verpflichtet bin - die ganze Geschäftsführung umgekehrt auf mich zu nehmen, unter ganz den gleichen Modalitäten ...
Jetzt fühle ich mich der Aufgabe noch völlig gewachsen; nach 5 Jahren könnte es nicht mehr sein."FN5
Nach weiteren unerfreulichen Verhandlungen schied Roderich Zeiß mit einer Abfindung von 25000 Mk aus der Geschäftsleitung aus, setzte sich zur Ruhe, blieb aber offener Gesellschafter.

Es folgten weitere Verhandlungen, deren Resultate in den Verträgen vom 17.-20. Juni 1891 fixiert wurden und die zur völligen Umgestaltung der vermögensrechtlichen Verhältnisse der Carl-Zeiss-Stiftung führten:
Abbe tritt in diesen Verträgen alle Rechte an den Firmen Zeiß und Schott in der Gesamthöhe von 670000 Mk gegen eine Abfindung von 300000 Mk an die Carl-Zeiss-Stiftung ab, wobei Abbes Abfindung bis zu seinem Tod als unkündbares Darlehen mit 5% Verzinsung der Stiftung zur Verfügung steht. Nach seinem Tod sollten seine Töchter, falls sie dies wünschten, je 50000 Mk ausgezahlt bekommen.

Roderich Zeiß trat gegen eine Abfindung von 468000 Mk alle Ansprüche aus seiner Teilhaberschaft am Zeiss-Werk und Schott & Gen. an die Carl-Zeiss-Stiftung ab.
Die Carl-Zeiss-Stiftung verfügte damit über das gesamte Zeiss-Werk und über die 2/3 früher von Abbe und Zeiß gehaltenen Geschäftsanteile an der Firma Schott & Gen.

Die Zusammenarbeit zwischen der Zeiss-Stiftung als nunmehrigem Teilhaber und Schott gestaltete sich problemlos. Otto Schott blieb Leiter des Glaswerkes und seine Anteile sollten nach seinem Tod an die Stiftung übergehen, eine ähnliche Regelung, wie sie Abbe im - nunmehr aufgehobenen - Erbeinsetzungsvertrag getroffen hatte. Und auch Schott übertrug dann bereits 1919, mehr als 15 Jahre vor seinem Tod am 17. 8. 1935, die ihm verbliebene Hälfte der Anrechte auf die Firma Schott & Gen. an die Carl-Zeiss-Stiftung.

Mit der Übertragung der Geschäftsanteile an die Carl-Zeiss-Stiftung erhöhte sich das Finanzvolumen der Stiftung durch die ihr zufließenden Geschäftsgewinne ganz entscheidend (Koch, S. 288):

anteilige Gewinne (Mk)

Bewilligungen (Mk)

Jahr

Glaswerk

Zeiss-Werk

gesamt

Universität

andere

1890/91

11229

150728

35000

 

35000

1891/92

49344

240783

41140

40000

1150

1903/04

389091

383000

933630

650027

283602

1905/06

423011

950000

288554

233657

54619

1906/07

452252

1029000

268629

194853

173776

1917/18

1235335

10765231

9373716

2907991

6456725

Insgesamt hatte die Stiftung in diesem Zeitraum 34 Millionen Mark für die Erfüllung ihrer Aufgaben zur Verfügung. Davon wurden 19 Millionen für die Universität und 15 Millionen für gemeinnützige Zwecke verwendet.

Mit dem bei Abfassen der Stiftungsurkunde noch nicht absehbaren schnellen und umfassenden Übertragung der Geschäftsanteile am Zeiss-Werk und an der Firma Schott und Genossen an die Carl-Zeiss-Stiftung hatten sich die Potenzen und die Verantwortung der Stiftung gewaltig erhöht. Durch die Stiftungsurkunde wurden die nun anstehenden Aufgaben nur in den Grundsätzen erfaßt. Auch die Verwaltungsstrukturen der Stiftung waren der neuen Situation nur unvollkommen angepaßt. Ernst Abbe arbeitete deshalb mit Unterstützung seiner bewährten Helfer intensiv daran, der Stiftung ein Statut zu geben, das es erlaubte, ihre Potenzen effektiv im Sinne der schon in der Stiftungsurkunde festgeschriebenen grundsätzlichen Zielstellungen zu entwickeln. Für Ernst Abbe begann die geistige Auseinandersetzung mit dieser Aufgabe unmittelbar mit dem Prozeß der Übertragung der Vermögensanteile an die Stiftung, aber erst fünf Jahre später war diese Arbeit so weit gediehen, daß Abbe am 28. Mai 1896 den Entwurf zu einem "Statut der Carl-Zeiss-Stiftung" übermitteln konnte, den er für unterzeichnungswürdig hielt. Vor der Unterzeichnung waren dann aber doch noch Widerstände aus Weimar zu überwinden, die sich besonders gegen soziale Festlegungen im Abbeschen Entwurf richteten. So wurde von Abbe verlangt, die Festlegung zu streichen, nach der das Höchstgehalt der leitenden Angestellten und der Mitglieder der Geschäftsleitung nicht das Zehnfache des durchschnittlichen Jahresverdienstes der Stammarbeiterschaft übersteigen dürfe ( 94). Auch die für die Arbeiter vorgesehene Gewinnbeteiligung wurde vom Staatsministerium, Departement des Cultus, kritisiert. In beiden Fällen wich Abbe aber von seinem Entwurf nicht ab und setzte diese - für seine sozialpolitischen Vorstellungen ganz wesentlichen - Bestimmungen durch, so daß ihm am 30. Juli die Mitteilung zuging: "Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben auf ehrerbietigst erstatteten Antrag in der heutigen Sitzung der Großherzoglichen Gesamtministeriums dem in der Anlage A ersichtlichen Statut der Carl-Zeiss-Stiftung in Jena Höchsteigene Genehmigung zu erteilen geruht." (Schomerus, 225)

Mit dem neuen Statut wurden weitere wichtige soziale Sicherungen für die Belegschaft der Stiftungsbetriebe verankert. Es wurde ein großzügiges Pensionsrecht mit Alters-, Invaliditäts- und Hinterbliebenenpensionen in Kraft gesetzt. Abgangsentschädigungen für solche Mitarbeiter wurden festgelegt, die betriebsbedingt den Betrieb verlassen mußten. Fester bezahlter Urlaub für 6 Tage und unbezahlter Urlaub für 6 Tage stand jedem Mitarbeiter zu. Es wurde Urlaub für die Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeit im Reichs-, Staats- und Kommunaldienst unter Aufrechterhaltung der Bezüge gewährt. Das neue Vergütungsprinzip, bestehend aus festen Bezügen und Gewinnbeteiligungen, wurde eingeführt. Auf Basis des neuen Statuts wurde 1900 der Übergang vom Neunstundenarbeitstag zum Achtstundentag vollzogen.

Die Bestätigungsurkunde für das Statut der Carl-Zeiss-Stiftung wurde schließlich am 16. August 1896 ausgestellt. Ernst Abbe hatte damit nicht nur das gewaltige Werk vollbracht, die Stiftung mit mächtigen Vermögenswerten auszustatten, sondern hatte nun mit dem Statut auch die verbindliche Festschreibung der von ihm intendierten Stiftungsziele erreicht. Damit hatte er sein Stiftungswerk unmittelbar vor dem 50jährigen Bestehen der Optischen Werkstätte vollendet.

Eine in Sonderheit für die Universität Jena wichtige Erweiterung erfuhr das Stiftungsstatut von 1896 durch das Ergänzungsstatut zum Statut der Carl-Zeiss-Stiftung vom 24. 2. 1900, das den im  105 Absatz 3 eingeführten Universitätsfonds der Carl-Zeiss-Stiftung behandelt. Durch diesen Universitätsfonds wurden der Universität die ihr durch die Stiftung zugedachten Mittel durch regelmäßige jährliche Überweisungen und durch außerordentliche Zuschüsse bereitgestellt. Mit der Überweisung in diesen Fonds gingen diese Mittel in den Besitz der Universität über, waren jedoch weiter separat von den etatmäßigen Mitteln der Universität - getrennt in Verfügungsfonds und Rücklagefonds - zu verwalten. Letzterer diente dazu, wiederkehrende Leistungen, z.B. Personalkosten, auch für den Fall zu sichern, daß die aktuellen Leistungen der Stiftung für den Universitätsfonds nicht die benötigte Höhe erreichen sollten. Die regelmäßigen Zuweisungen zum Universitätsfonds ergaben sich bei Errichtung der Stiftung aus den für den Ministerialfonds vorgesehenen 20000 Mk und wurden über zuerst 30000 Mk ab 1. 10. 1895 auf 40000 Mk und ab 1. 10. 1899 auf 80000 Mk erhöht. Die außerordentlichen Zuweisungen waren dagegen, falls nicht direkt für den Reservefonds bestimmt, für vorübergehende und einmalige Aufwendungen größerer Art bestimmt. Nach Abbes Auffassung sollte sich die Stiftung bei der Übernahme wiederkehrender Leistungen wegen der damit zu verbindenden Rücklagebildung zurückhalten, um mehr Mittel für aktuelle und unmittelbar wirksame Maßnahme zur Verfügung zu haben. So waren auch bestimmte Stiftungsprofessuren, wie im Falle Gottlob Freges, personengebunden und sollten nicht wieder besetzt werden, wenn der Inhaber ausschied. Eine Erhöhung des Rücklagefonds wurde aber 1902 trotzdem nötig, als nämlich die Besoldung der Universitätslehrer im Zusammenhang mit der Beseitigung des Steuerprivilegs neu geregelt wurde. Bis dahin erhielten die Jenaer Professoren im Vergleich zu Professoren anderer Universitäten Deutschlands bedeutend niedrigere Gehälter, hatten aber zum Ausgleich das Steuerprivileg, vollständig von der Staatssteuer und zu zwei Dritteln von der Gemeinde- und Kirchensteuer befreit zu sein, eine Regelung die auch Abbe ablehnte, weil davon vor allem Vermögende in einer Weise profitierten, die nicht direkt ihrer Einstufung an der Universität entsprach.

Wegen der enorm angewachsenen Mittel der Stiftung konnte Abbe aber trotzdem den Anteil der für aktuelle Projekte aufgewandten Mittel gewaltig steigern, wobei er sich auch von der in der Stiftungsurkunde 1889 aufgestellten Maxime leiten ließ, es dürfe niemals übermäßige Vorsorge für die Zukunft der jeweils lebenden Generation das natürliche Anrecht rauben, den größeren Teil dessen zu genießen, was die lebende Generation erwirbt.


Ernst Abbe 1903

Auch nach dem Tode Ernst Abbes am 14. Januar 1905 hat die Stiftung in diesem Sinne weitergewirkt und der Universität bis Ende des 1. Weltkrieges, noch während des Wirkens Gottlob Freges in Jena, durch Neubauten, Neugründungen, Ankäufe usw. ein völlig neues Gesicht gegeben. In Anlehnung an eine vom langjährigen Referenten für die Carl-Zeiss-Stiftung im Weimarischen Kultusministerium, Ministerialdirektor Wuttig, abgefaßte Aufstellung gibt Schomerus folgende Übersicht über die von der Stiftung in diesen Jahren für Universität erbrachten Leistungen:

"Es wurden im Laufe der Jahre aus Stiftungsmitteln errichtet:

Die Anstalt für theoretische Physik und die Anstalt für technische Chemie, ein Neubau für das Physikalische Institut und das Hygienische Institut. Es folgten die Neubauten oder umfassende Erweiterungsbauten für das Pathologisch-Anatomische Institut, das Botanische, Zoologische, Anatomische, Pharmakologische und das Chemische Institut. Dazu trat die unentgeltliche Lieferung wissenschaftlicher, namentlich optischer Ausrüstungsstücke an die Universitätsanstalten und Kliniken aller Art. Mit erheblichen jährlichen Zuschüssen wurden die mathematischen Lehrfächer bedacht; eine wesentliche Bereicherung erfuhr die juristische Fakultät durch die Gründung eines Instituts für Wirtschaftsrecht, das Gebiet der Volkswirtschaftslehre durch den Ankauf der Schmollerschen Bibliothek und durch Beihilfen für die Errichtung neuer Lehrstühle. Ein Institut für experimentelle Biologie wurde ins Leben gerufen, und in den ersten Kriegsjahren entstand das Kinderkrankenhaus der Carl-Zeiss-Stiftung, das zugleich als Kinderklinik der Universität diente. 1908 beim 350-jährigen Jubiläum der Universität wurde das stattliche und schöne neue Universitätsgebäude fertiggestellt, für das die Stiftung den Hauptteil der Kosten bereitstellte, aber auch Dr. Otto Schott erheblich beisteuerte. Beträchtliche Zuwendungen erhielt die Universitäts-Bibliothek; für sie wurde ein umfangreicher Erweiterungsbau hergestellt. Hierher gehört auch die Fürsorge für Leibesübungen der akademischen Jugend durch die Schaffung neuzeitlicher Spiel- und Sportplätze." (Schomerus, 244)

Durch das Ergänzungsstatut zum Statut der Carl-Zeiss-Stiftung wurde es möglich, neben der Förderung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer auch weitere Lehrfächer einzubeziehen und solche Zwecke zu verfolgen, deren Verwirklichung im Interesse der gesamten Universität oder der Gesamtheit der Universitätsangehörigen lag. Die obige Aufstellung zeigt, daß von dieser Möglichkeit breiter Gebrauch gemacht wurde, so daß nicht nur die mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebiete sich aus dem beengten und wenig attraktivem Zustand, in dem sie sich vor der Förderung durch dem Ministerialfonds und die Carl-Zeiss-Stiftung befanden, zu modernen konkurrenzfähigen Institutionen entwickeln konnten, sondern die Universität als Ganzes diese Entwicklung ebenfalls vollzog.

FN1 Rosenthal, Eduard: Ernst Abbe und seine Auffassung von Staat und Recht. Rede bei der Gedächtnisfeier am 6. Februar 1910, in: Joachim Wittig (Hrsg.): Ernst Abbe. Sein Nachwirken an der Jenaer Universität. Jena 1989, S. 29.
FN2 Abbe, Ernst: Gesammelte Abhandlungen, Dritter Band: Sozialpolitische Schriften. Jena 1906, S. 127.
FN3 Koch, Herbert: Geschichte der Stadt Jena. Stuttgart 1966, S. 295.
FN4 Stiftungsurkunde der Carl-Zeiss-Stiftung vom 19. Mai 1889. In: Schomerus, Friedrich: Werden und Wesen der Carl-Zeiss-Stiftung. Stuttgart 1955, S. 79.
FN5 Brief Ernst Abbes an R. Zeiß vom 23. 11. 1889. Zitiert nach: Schomerus, Friedrich: Werden und Wesen der Carl-Zeiss-Stiftung. Stuttgart 1955, S. 104f.