Die Kuratoren der Universität


Im August 1819 wurden alle deutschen Staaten durch die Karlsbader Beschlüsse verpflichtet, für ihre Universitäten die Stelle eines Kurators zu schaffen, der als Regierungsbevollmächtigter alle wichtigen Angelegenheiten der Universität zu überwachen hatte.FN1 Dem Kurator oblag es, zu Habilitationsgesuchen und Berufungsvorschlägen vor ihrer Weiterleitung an die Regierung seine Stellungnahme abzugeben, nachdem diese im Beisein des Kurators bereits von Fakultät und Senat der Universität gebilligt worden waren. Dabei stellte seine Stellungnahme die entscheidende Grundlage für die Beschlußfassung durch die Regierung dar. In den Karlsbader Beschlüssen war diesem Amt vorrangig eine Überwachungsfunktion gegen jakobinische und liberale Tendenzen an den Universitäten zugedacht gewesen. Die damit verbundene Einschränkung der Universitätsautonomie ordnete sich so in die mit den Karlsbader Beschlüssen verbundenen Einschränkungen allgemeiner bürgerlicher Rechte ein. In Sachsen-Weimar, mit dem liberalen Herzog Carl August an der Spitze, der zugleich formell als Rector magnificentissimus die Universitätshierarchie anführte, hatte die Errichtung des Kuratels entgegen aller Erwartung durchaus positive Folgen. Von Beginn an sahen die vom jeweiligen Herzog bestellten Kuratoren ihre Aufgabe darin, möglichst günstige Bedingungen für die Arbeit der Universität zu schaffen. Zu diesen Bedingungen zählten sie auch geistige Freiheit. So konnte Jena nach der Berufung Ernst Haeckels zu einem Zentrum des in dieser Zeit geradezu verfemten Darwinismus werden und verhalf dieser Theorie nicht nur in Deutschland zum wissenschaftlichen Durchbruch. Die Kuratoren waren bestrebt, in den Beziehungen zwischen Universität und den Regierungen der Erhalterstaaten zu vermitteln und waren dabei in einer vorteilhaften Lage: Einmal hatten sie als Beauftragte der Regierungen deren Vertrauen und standen nicht im Verdacht, einseitig und im eigenen Interesse Universitätsbelange zu vertreten. Andererseits waren sie durch ihren ständigen unmittelbaren Kontakt mit den Universitätsangelegenheiten vertraut, die sie nicht vorrangig aus dem Schriftverkehr kannten, sondern mit denen sie im persönlichen Kontakt mit den Professoren in Fakultäts- und Senatssitzungen, aber auch im persönlichen Gespräch konfrontiert wurden. Entscheidungsverfahren konnten so durch die verbindliche Meinungsbildung des Kurators abgekürzt werden, wobei im allgemeinen von beiden Seiten akzeptierte Kompromisse zwischen den Wünschen der Universität und den Möglichkeiten der Erhalterstaaten gefunden wurden. In dieser Weise wirkten bereits die ersten Kuratoren Motz und Ziegesar. Als 1849 die Möglichkeit bestand, dieses durch die Karlsbader Beschlüsse aufgedrängte Amt wieder abzuschaffen, hatte es sich durch die Arbeit dieser beiden Kuratoren so sehr bewährt, daß auch die Universität keine Veranlassung hatte, sich von der Beseitigung dieser Institution Vorteile zu versprechen.

Das Vertrauen in diese Institution wurde dann auch durch die folgenden Kuratoren voll gerechtfertigt. In besonderer Weise hat der von 1851 bis 1877 amtierende Kurator Moritz Seebeck die Universität gefördert. Er verstand sich nicht als Verwalter, sondern als Teilnehmer an Entscheidungsprozessen, wozu auch gehörte, sich ein fundiertes eigenständiges Urteil zu bilden. "Der hochgebildete Seebeck verließ sich in den Berufungsverhandlungen nie allein auf die Gutachten der Fachgelehrten, sondern bildete sich durch Literaturstudien und Vorlesungsbesuche ein ausgewogenes Urteil über die Lehrstuhlkandidaten. Die zuständigen Minister in Weimar, Gotha, Altenburg und Meiningen vertrauten ihm fast blindlings und stimmten den außergewöhnlichsten Vorschlägen zu."FN2

Kurator Seebeck
Moritz Seebeck
Universitätskurator von 1851 bis 1877

Seebeck war es zu danken, daß Kuno Fischer nach Jena berufen wurde, nachdem im Jahre 1855 die einzigen Lehrstühle für Philosophie durch den Tod von Ernst Reinhold und Karl Friedrich Bachmann verweist waren. Einer der beiden Lehrstühle wurde mit dem schon seit 1839 in Jena lehrenden Ernst Friedrich Apelt besetzt, der als Schüler von Fries eine bedeutende Jenenser philosophische Tradition weiterführte. Seine Lehrveranstaltungen waren nicht auf die Philosophie beschränkt, sondern erstreckten sich auch auf Mathematik und Naturwissenschaften. Für Kuno Fischer kam das Angebot, sich auf einen der beiden Lehrstühle berufen zu lassen, in einer schwierigen Phase seiner wissenschaftlichen Laufbahn. In der sich nach der 1848/49er Revolution in vielen deutschen Staaten ausbreitenden antiliberalen Grundstimmung war ihm nämlich 1853 in Heidelberg mit dem Vorwurf, pantheistische Lehren zu vertreten, die Lehrberechtigung abgesprochen worden.

Seine Berufung nach Jena ist ein Indiz dafür, daß die thüringischen Erhalterstaaten der Universität Jena, vor allem aber Sachsen-Weimar mit dem dort von 1853 bis 1901 regierenden Großherzog Carl Alexander (1818-1901), sich diesem Trend nicht vorbehaltlos unterordneten, sondern durchaus darauf bedacht waren, Universitätsbelange unter dem Gesichtspunkt der Entwicklung wissenschaftlicher Potenzen zu behandeln und nicht primär auf Basis politischer Rücksichten.

Auf dieser Basis profitierte die Jenenser Universität durch die kluge Berufungspolitik ihres Kurators Seebeck - hier konkret im Falle Fischers - sogar von der antiliberalen Hochschulpolitik anderer deutscher Staaten. Fischer selbst beschreibt die Situation so: "Was damals einer Universität an Lehrkräften durch politische und kirchliche Verfolgungen verloren ging, konnte eine andere, die von solchen Angriffen verschont blieb, gewinnen und für Deutschland erhalten. In einer so günstigen, fast einzigen Lage im Anfange der fünfziger Jahre befand sich Jena, und Seebeck, der wohl conservativ im besten Sinne des Wortes, aber gar nicht reactionär gesinnt war, wußte diese Conjunctoren der Zeit für die Universität wohl zu benutzen."FN3

Fischer wurde in Jena zu einem Glanzpunkt der philosophischen Fakultät und des gesamten Universitätslebens. Seine Vorlesungen waren - ganz im Gegensatz zu denen des frühen Abbe und Freges - gesellschaftliche Ereignisse von Rang für die Universität und die Stadt Jena. Es gab wohl kaum Studenten, die nicht seine Vorlesungen besucht hätten. Von allen Zeitzeugen wird die hervorragende Vortragskunst Fischers gerühmt. Das große Interesse der Öffentlichkeit wurde auch nicht dadurch getrübt, daß Kuno Fischer als ausgesprochen arrogant und dünkelhaft galt. So berichtet Koch über Fischer: Eines Tages traf ihn ein Kollege auf dem Fürstengraben, hörte ihn in Selbstgespräche versunken und fragte ihn, ob er dies zu tun gewohnt sei. 'Ja, wissen Sie, es ist mir immer wertvoll, die Worte eines bedeutenden Geistes hören zu können.' Als er aber Jena verlassen hatte, bemerkte er: 'Mein Haus übernahm ein Seifensieder und meinen Lehrstuhl ein Leimsieder', womit er Rudolf Eucken meinte."FN4

Der Kurator Seebeck strebte für die Universität ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern an und sah es als seine wichtigste bildungspolitische Aufgabe, die Universität durch Gewinnung junger aufstrebender Wissenschaftler zu fördern. Die Universität sollte den Rahmen für die Entfaltung unverbrauchter schöpferischer Kräfte liefern, wozu geistige Freiheit und das Beschreiten neuer Wege in der wissenschaftlichen Arbeit gehörten. Er scheute sich nicht, die Berufung eines Zwanzigjährigen, E. Sievers, zum Professor der Germanistik zu empfehlen. Auch die vorbehaltlose Förderung Ernst Haeckels machte er zu seiner Angelegenheit. Und ohne ihn wäre es nicht möglich gewesen, den jungen Ernst Abbe der Wissenschaft und der Universität zu erhalten, der aufgrund seiner unerträglichen materiellen Situation ernsthaft entschlossen war, die Universität zu verlassen und sich um eine Gymnasiallehrerstelle zu bewerben. Es muß nicht weiter begründet werden, welches historische Verdienst sich Seebeck allein dadurch für die Universität, die Stadt Jena und den Thüringer Raum erworben hat. Und schließlich hätte Gottlob Frege ohne Ernst Abbe wohl kaum sein Werk der Begründung der modernen Logik in Jena vollenden können.

Seebeck bewies bei seinen Aktivitäten ein unglaublich sicheres Einschätzungsvermögen für das Machbare und im Sinne der Universität Anzustrebende. Es fehlte ihm dann auch nicht an Durchsetzungskraft, seine Entscheidung mitunter gegen beharrliche Forderungen aus den Reihen der Universität zu behaupten. So verhinderte er die Berufung von Eugen Dühring als Nachfolger für Kuno Fischer, obwohl er nach eingehendem Studium der wissenschaftlichen Arbeiten Dührings deren Substanz respektierte. Seine Entscheidung gegen Dühring war auf dessen offen sozialdemokratische und antireligiöse Grundhaltung bezogen, durch die er eine unannehmbare politische Belastung auf die Universität zukommen sah. Das Besetzungsverfahren für diesen Lehrstuhl endete schließlich mit der Berufung Rudolf Euckens, des ersten und einzigen Nobelpreisträgers der Universität Jena.

Auf Seebeck folgten die Kuratoren August v. Türcke (von 1878 bis 1884, also die Zeit, in der Gottlob Frege seine Begriffschrift und die Grundlagen der Arithmetik schrieb), Heinrich von Eggeling (1884-1909) und Max Vollert (1909-1922).

Kurator Eggeling

Heinrich von Eggeling
Universitätskurator von 1884 bis 1909

Nicht nur wegen der langen Amtszeit verdient Eggeling besondere Erwähnung. Eggeling war ein Studienfreund Abbes und hatte ebenfalls Mathematik studiert. Er trat auch als Mitglied der Schäfferschen Mathematischen Gesellschaft und deren Preisträger in Erscheinung. In seine Amtszeit fällt die Errichtung des Materialfonds für wissenschaftliche Zwecke 1886 und der Carl-Zeiss-Stiftung 1889 durch Abbe. Zwischen Abbe und Eggeling bestand ein sehr enges und vertrauensvolles Verhältnis, ohne das es Abbe wohl kaum möglich gewesen wäre, sein Stiftungswerk zu schaffen. Andererseits war Eggeling eher zögerlich, wenn es um Berufungsfragen ging, worunter auch Frege zu leiden hatte, auch wenn der Einfluß Abbes auf Eggeling und das Ministerium in Weimar schließlich doch groß genug war, um die Berufung Freges zum Honorarprofessor durchzusetzen.

FN1 Vgl.: Vollert, Max: Geschichte der Kuratel der Universität Jena. Jena 1921.
FN2
Dathe, Uwe: Frege in Jena, Dissertation A. Leipzig 1992 (unveröffentlicht), S. 17.
FN3
Fischer, Kuno: Erinnerungen an Moritz Seebeck. Heidelberg 1886, S.96f.
FN4
Koch, Herbert: Geschichte der Stadt Jena. Stuttgart 1966, S. 263.

Die Stadt und ihre Universität bis Mitte des 19. Jahrhunderts
Jena in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Jena auf dem Weg zur Industriestadt
Abbes Stiftungswerk