Gottlob Frege
Biographisches

Gottlob Frege
(1848-1925)


Friedrich Ludwig Gottlob Frege wurde am 8. November 1848 in Wismar geboren. Gottlob Freges Vater, Karl Alexander Frege, war Direktor der höheren Töchterschule Wismar. Nach dem frühem Tod von Freges Vater im Jahre 1866 führte Freges Mutter, Auguste Wilhelmine Sophia Frege, geb. Bialloblotzky, die Schule weiter. Bereits in seinem Elternhaus wurde Gottlob Frege mit Ideen bekannt, die ihn auf das spätere Hauptfeld seines Wirkens führten. Sein Vater war neben seiner Tätigkeit als Lehrer auch als Autor eines Lehrbuches Hülfsbuch zum Unterrichte in der deutschen Sprache für Kinder von 9 bis 13 Jahren hervorgetreten, das 1862 bereits in 3. Auflage erschienen war und dessen erster Teil sich gerade mit der logischen Strukturierung der Sprachen beschäftigte.FN1

In Wismar ergab sich durch Freges Mathematiklehrer Leo Sachse die erste personelle Verbindung Gottlob Freges zu Jena. Von Leo Sachse könnte Frege die Anregung erhalten haben, ein Studium der Mathematik in Jena zu beginnen.FN2 Schließlich war Sachse, heute in Jena als Heimatdichter bekannt und durch einen Straßennamen geehrt, selbst Student in Jena gewesen und hatte außerdem eifrig die Veranstaltungen der von Hermann Schäffer geleiteten Mathematischen Gesellschaft in Jena besucht.

Gottlob Frege schloß Ostern 1869 nach fünfzehnjärigem Besuch das Gymnasium in Wismar mit der Reifeprüfung ab und begann im gleichen Jahr das Studium in Jena. In den vier Semestern seines Jenenser Studiums hörte er 20 Vorlesungen, vor allem zu Mathematik und Physik. Seine wichtigsten Universitätslehrer in Jena waren Ernst Abbe (Theorie der Gravitation, Galvanismus und Elektrodynamik, Theorie der Funktionen komplexer Variablen, Physikalisches Praktikum, Ausgewählte Kapitel der Mechanik, Mechanik fester Körper), Karl Snell (Anwendungen des Infinitesimalkalküls auf die Geometrie, Analytische Geometrie des Raumes, Analytische Mechanik, Optik, Fundamentallehren der mechanischen Physik), Hermann Schäffer (Analytische Geometrie, Experimentalphysik, Algebraische Analysis, Über Telegraphen und andere durch Elektrizität bewegte Maschinen) und der einflußreiche Philosoph Kuno Fischer (Geschichte der Kantischen oder kritischen Philosophie).

Karl Snell

Hermann Schäffer

Ernst Abbe

Da Freges Studiengang auf die Oberlehrerlaufbahn ausgerichtet war, Jena aber erst ab 1874 über eine wissenschaftliche Prüfungskommission verfügte, war er schon aus diesem Grunde gezwungen, den Studienort zu wechseln. Dem Vorbild seiner verehrten Lehrer Karl Snell und Ernst Abbe folgend, ging Frege deshalb 1871 zur Fortsetzung seines Studiums nach Göttingen. Die dortige Universität verfügte nicht nur über die benötigte Kommission, sondern war vor allem auf dem Gebiet der Mathematik eine der führenden Universitäten Deutschlands, mit der sich Jena trotz des hervorragenden Mathematikers Ernst Abbe nicht messen konnte. In Göttingen hörte Frege u.a. bei Alfred Clebsch (analytische Geometrie), Ernst Schering (Funktionentheorie), Wilhelm Weber (Physikalische Vorlesungen, Experimentalphysik), Eduard Riecke (Theorie der Elektrizität) und bei dem berühmten Philosophen Rudolf Hermann Lotze (Religionsphilosophie). Über die Rolle Lotzes (1817-1881) für Freges Begründung der modernen Logik ist viel spekuliert worden, da Lotze auch einer der bedeutendsten Logiker seiner Zeit war und wegen seiner Vielseitigkeit und Originalität sogar mit Leibniz verglichen wurde.FN3 Zwar hat Frege Auffassungen vertreten, die in ähnlicher Form auch bei Lotze zu finden sind (vor allem in seinem Antipsychologismus) und hat sich explizit Positionen auseinandergesetzt, die auf Lotze hindeuten,FN4 es gibt aber keine Hinweise darauf, daß Frege mit diesen Auffassungen bereits während seiner Studienzeit in Göttingen und direkt durch Lotze konfrontiert worden ist.
1873 promovierte Frege in Göttingen bei Ernst Schering mit der Dissertation Über eine geometrische Darstellung der imaginären Gebilde in der Ebene zum Dr. phil.


Wucherei,
seit den 60er Jahren des 19. Jh.
bis zum Universitätsneubau 1908
Hauptgebäude der Universität Jena

Gottlob Frege kehrte danach nach Jena zurück und habilitierte sich 1874 unter dem Dekanat von Ernst Haeckel mit der Arbeit Rechnungsmethoden, die auf einer Erweiterung des Größenbegriffs gründen. Im Anschluß daran wurde er noch 1874 Privatdozent in Jena.

1879 erschien in Halle/Saale das erste Hauptwerk Freges, die Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens.FN5 Mit diesem Buch hat Frege die erste Darstellung der modernen Logik geliefert, die von seinen Zeitgenossen allerdings nicht adäquat gewürdigt werden konnte. Unmittelbar nach Veröffentlichung der Begriffsschrift wurde Frege zum außerordentlichen Professor auf dem Gebiet der Mathematik berufen.

1884 erschien das zweite Hauptwerk Freges Die Grundlagen der Arithmetik,FN6 in dem er es unternahm, die für die Ausführung seines Programms der logischen Fundierung der Mathematik notwendige Definition der natürlichen Zahlen zu liefern.

1887 folgte die Heirat mit Magarete Lieseberg (1856-1904). Die Ehe blieb kinderlos, allerdings adoptierte Frege später Paul Otto Alfred Frege (geb. Fuchs). FN7


Freges Wohnhaus
in Jena,
Forstweg 29

1893 veröffentlichte Frege den ersten Band seines Werkes Grundgesetze der Arithmetik,FN8 das den Höhepunkt der wissenschaftlichen Arbeit Freges markiert. Der zweite Band erschien dann im Jahr 1903.
1896 wurde Frege in Jena zum ordentlichen Honorarprofessor berufen.
Gottlob Frege hat in Jena von 1874 bis zu seiner Emeritierung 1918 ein umfangreiches Lehrpensum absolviert, das nur selten unterbrochen wurde.FN9

Neues Hauptgebäude
der Universität Jena,

mit Mittel der Carl-Zeiss-Stiftung
von 1906 bis 1908 errichtet

Bevor Frege im Jahre 1918 emeritierte, wurde er 1917 vorübergehend von seinen akademischen Pflichten beurlaubt. Nach seiner Emeritierung siedelte Gottlob Frege nach Bad Kleinen bei Wismar über.

Obwohl Frege so viele Jahre in Jena verbracht hat, wo er trotz seines ausgesprochen zurückhaltenden und grüblerischen Wesens zumindest bis zur Jahrhundertwende vielfältige gesellschaftliche Kontakte wahrnahm, wobei die wichtigsten sicher durch seine Zugehörigkeit zum engeren Kreis um Ernst Abbe zustande kamen, blieb Frege seiner mecklenburgischen Heimat treu. Während seines gesamten Lebens rückte er nicht davon ab, sich als Mecklenburger zu verstehen. Bis an sein Lebensende blieb für ihn bestehen, was er 1869 in seine Jenaer Immatrikulationspapiere eingetragen hatte: "Heimatland: Mecklenburg". Die Verbindung zu Mecklenburg hielt er nicht nur emotional aufrecht, sondern auch physisch: viele Jahre ließ er es sich in den Sommerferien nicht nehmen, zu Fuß die 400 km von Jena nach Wismar zurückzulegen. So kann es auch nicht verwundern, daß er sofort nach seiner Emeritierung nach Mecklenburg zurückkehrte und sich in Bad Kleinen, nur wenige Fußstunden von Wismar entfernt, niederließ und sogar daran ging, sich in einem kleinen Ort in der Nähe von Rostock ein neues Heim zu schaffen. Mitten in den Vorbereitungen zum Umzug in dieses Haus ist Gottlob Frege am 26. Juli 1925 in Bad Kleinen an einem Magenleiden verstorben. In seiner Heimatstadt Wismar wurde Gottlob Frege auf dem Stadtfriedhof beigesetzt, wo sich auch heute noch sein Grab befindet.FN10




Freges akademischer Weg in Jena

Ernst Abbe und Gottlob Frege


In seinem persönlichen und wissenschaftlichen Leben ist Gottlob Frege in Jena von vielen herausragenden Persönlichkeiten beeinflußt worden. FN11 Aber sicher war es Ernst Abbe, von dem Frege in seinen wissenschaftlichen Grundsätzen am stärksten geprägt wurde. Während der langen Jahre in Jena blieben Frege und Abbe auch menschlich eng verbunden. Nicht zuletzt erfuhr Frege durch Abbe und das Abbesche Stiftungswerk auch sozial die bei weitem wichtigste Unterstützung in Jena. Wie die nur ein Jahr vor dem Tode Freges am 10. 3. 1924 entstandenen Tagebuchnotizen zeigen, war Freges Hochachtung für Abbe bis ins hohe Alter hinein ungebrochen:

Professor Abbe in Jena ist einer der edelsten Menschen gewesen, die mir auf meinem Lebenswege begegnet sind. Er war, als ich in Jena studierte, zuerst mein hochverehrter Lehrer, besonders in den Fächern der mathematischen Physik. Dank seiner Vorlesungen ist mir die Einsicht in das Wesen dieses Wissenszweiges aufgegangen. Wie wenige Menschen haben eine Ahnung davon! Wie viele entbehren die strenge Zucht des Denkens, die in der Beschäftigung mit diesen Gegenständen liegt. Abbes Wiege hatte in einem Arbeiterhause gestanden. Der Adel seiner Gesinnung zeigte sich auch darin, daß er diesen Ursprung nie verleugnete. daraus erklärt sich auch sein soziales Denken und Handeln. Sein Eintritt in die optische Werkstätte von Zeiss hatte zur Folge, daß er die mathematische Theorie der optischen Werkzeuge, insbesondere des Mikroskops weiter ausbildete, immer in engem Anschluß an die Bedürfnisse und Ergebnisse seiner Aufgaben. Dadurch brachte er die optische Werkstätte von Zeiss zu hoher Blüte und wurde selbst ihr oberster Leiter. Er hatte nun endlich die Möglichkeit, die Pläne zu Gunsten seiner Arbeiter, deren Keime von seiner Wiege her in ihm lagen und die er dann während seines Wirkens im Zeisswerke ausgebildet hatte, zu verwirklichen. Er verwandelte das Zeisswerk zu Gunsten der darin beschäftigten Arbeiter in eine Zeissstiftung. Das Stiftungsvermögen hatte er selbst erarbeitet. In Wirklichkeit war es eine großartige Schenkung an die Arbeiter, nach Abbes Meinung aber hatten es die Arbeiter mit erarbeitet und gehörte es also ihnen von Rechts wegen. So glaube ich ihn recht verstanden zu haben. Es war ein aus edelster und echt christlicher Gesinnung hervorgegangener Versuch, die Arbeiter in ihrer wirtschaftlichen Lage und damit überhaupt zu heben. FN12

Ernst Abbe hat Frege auf allen Etappen seiner akademischen Laufbahn - für Frege vielfach im verborgenen - tätige Unterstützung gewährt. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man annimmt, Freges Werk hätte ohne Abbe nicht in Jena entstehen können.

Ernst Abbe

Als Student war Frege einer der wenigen, die sich durch die Präzision und Tiefe der Abbeschen Vorlesungen angezogen fühlten und die durch Abbe gestellten hohen Anforderungen erfüllten. Es verwundert nicht, daß zu einer Zeit, als Abbe noch nicht über die später gewonnene Berühmtheit und gesellschaftliche Wertschätzung verfügte, seine Vorlesungen nur wenige Zuhörer fanden. Um die Jahre 1863/1864 waren es meist nur zwei oder drei Hörer. Zu Freges Studentenzeiten in Jena werden wohl mitunter in den Anfangsvorlesungen auch zehn bis zwölf Hörer anwesend gewesen sein, von denen aber auch noch einige im Vorlesungsfortgang wegblieben. Zum "harten Kern" aber gehörte Frege, wie Auerbach in einer Anekdote erzählt: "Als sich einmal zu einer Vorlesung nur zwei Hörer einfanden, der Mathematiker Frege und der Chemiker Michaelis ..., pflegte Abbe beim Betreten des Hörsaales zu fragen: 'Nun meine Herren, vollzählig versammelt?'"FN13

Frege hat sich in Abbes Lehrveranstaltungen und auch in den Sitzungen der von Hermann Schäffer geleiteten Mathematischen Gesellschaft, deren aktives Mitglied und Förderer auch Abbe war, sicher nicht nur durch bloße Anwesenheit hervorgetan. Das geht auch aus der 1874 abgegebenen Stellungnahme der Fakultät zu Freges Habilitationsgesuch hervor: "Herr Dr. Frege ist außerdem den Vertretern der Mathematik an unserer Universität schon von seiner Studienzeit her auf das Vortheilhafteste bekannt." FN14

Auf Abbe selbst trifft wohl auch das zu, was er später Frege attestierte:

Seiner ganzen Art nach wenig dazu angetan, dem Durchschnittsstudenten besonderen Beifall abzugewinnen, hat er eine ersprießliche und jetzt sehr wertvolle Lehrwirksamkeit dadurch erlangt, daß der bessere Teil unter unseren Studierenden des mathematischen Faches allmählich mehr und mehr gewahr geworden ist, was seine Vorträge solchen zu bieten vermögen, denen Vorlesungshören etwas mehr als eine Tätigkeit der Ohren bedeutet. In der Tat ist Dr. Frege vermöge der großen Klarheit und Präcision seiner Darstellung und vermöge der Bedachtsamkeit seines Vortrags vorzüglich geeignet, strebsame Zuhörer in die schwierigsten Materien des mathematischen Studiums einzuführen: Ich selbst habe wiederholt Gelegenheit gehabt, Vorlesungen von ihm anzuhören, welche mir in Hinsicht auf die wesentlichen Punkte als vollkommen mustergültig erschienen sind. FN15

Von Abbe ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Anregung für Frege gekommen, sein Studium nach vier Semestern 1871 bis 1873 in Göttingen fortzusetzen. Göttingen war zu Abbes und Freges Zeiten eines der wichtigsten Zentren der Mathematik. Ein mit der Promotion erfolgreich abgeschlossenes Studium in Göttingen lieferte hervorragende Voraussetzungen für die Fortsetzung der akademischen Arbeit in Jena. In ähnlicher Weise war bereits der Studienweg Abbes verlaufen, der 1857 bis 1859 in Jena studiert hatte und dann sein Studium nach zwei weiteren Jahren in Göttingen mit der Promotion abschloß, allerdings vor seiner Rückkehr nach Jena und der Habilitation ein Zwischenjahr als Dozent am Physikalischen Verein Frankfurt verbrachte.

Wie bei Abbe war auch im Habilitationsverfahren Freges Karl Snell als Gutachter vorgesehen. Da er schwer erkrankt war, regte Snell an, Abbe mit der Begutachtung der Fregeschen Habilitationsschrift Rechnungsmethoden, die sich auf eine Erweiterung des Größenbegriffes gründen zu beauftragen, was dann auch geschah. Im Resultat wurde Frege im Frühjahr 1874 durch die philosophische Fakultät der Jenenser Universität habilitiert und als Privatdozent in den Lehrkörper der Fakultät integriert.

Für Abbe selbst war der Eintritt Freges in den Lehrkörper außerordentlich wichtig, denn Frege übernahm nun Vorlesungen zur Mathematik, die bisher in den Aufgabenbereich Abbes gefallen waren. Nur durch die mit Freges Engagement in der Lehre eintretende Entlastung wurde es Abbe möglich, die wachsenden administrativen und wissenschaftlichen Anforderungen seiner Tätigkeit im Rahmen der Zeiß'schen optischen Werkstätte in einer Weise zu erfüllen, die schließlich eine entscheidende Voraussetzung für den Aufstieg dieses Unternehmens zu Weltgeltung und der Verwirklichung der Abbeschen Stiftungsidee war.

Abbe und Frege pflegten auch nach der Habilitation Freges weiterhin ein über das Übliche hinausgehenden gesellschaftlichen Umgang. Sie nahmen regelmäßig an den Sitzungen und anstehenden Feierlichkeiten der Schäfferschen Mathematischen Gesellschaft teil, trafen sich zu den wöchentlich stattfindenden Gesellschaftsabenden im Haus von Karl Snell. Frege war Abbe auch als Reisebegleiter lieb; als es z.B. Schäffer nicht möglich war, Abbe Pfingsten 1877 bei einem Besuch des Technikprofessors A. F. Weinhold in Chemnitz zu begleiten, trat wie selbstverständlich Frege an Schäffers Stelle.

Im Jahre 1879 war es schließlich wiederum Abbe, der die Berufung Freges zum Extraordinarius, zum außerordentlichen Professor, initiierte und in einem entsprechenden Gutachten, in dem auch die oben zitierte Wertschätzung der Fregeschen Lehrarbeit enthalten ist, der Fakultät begründete. Voraussetzung für die Berufung zum Extraordinarius war die Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Monographie, und Frege publizierte aus diesem Anlaß - möglicherweise unter auch von Abbe geschürtem Zeitdruck - sein erstes Hauptwerk Begriffsschrift. Eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens, das zugleich die Geburtsstunde der modernen mathematischen Logik markiert. Die Aufnahme dieses Werkes, mit dem er die Fundamente der mathematischen Wissenschaft tiefer legen wollte und zu diesem Zweck die erste Darstellung der modernen Logik in einer nicht zu erwarten gewesenen Vollendung präsentierte, wurde zur ersten großen Enttäuschung im wissenschaftlichen Leben Freges. Seine Arbeit wurde kaum rezipiert und wenn sie doch wahrgenommen wurde, ergab sich als Resultat trotz der überragenden Klarheit und Präzision der Darstellung eher Mißverständnis und Irritation.

Offensichtlich hatte Frege trotz seines Umganges mit Abbe auch diesen nicht genügend auf Inhalt, Form und Zweck der neuen Logik der Begriffsschrift vorbereitet. Im Gutachten zur Berufung Freges kann sich Abbe jedenfalls nicht zu einer positiven Beurteilung der Begriffsschrift durchringen, wohl aber zum Lob der wissenschaftlichen Fähigkeiten Freges:

Sie [Freges Begriffsschrift] ist allerdings nur ein Nebenprodukt seiner mathematischen Forschung; diese selbst ist, wie schon die Habilitationsschrift deutlich erkennen liess, auf sehr allgemeine und weitliegende Aufgaben gerichtet, welchen gegenüber ein rascher Abschluss und frühzeitige literarische Erfolge von Niemand erwartet werden können. Ueber die erwähnte Schrift, vom Gesichtspunkte des Mathematikers ein auf das Sachliche gehendes Urtheil abzugeben, kann ich mich allerdings durchaus nicht berufen fühlen. Zu dem sehr eigenartigen Ideenkreis dieser Schrift wird wohl kaum irgend Jemand kurzer Hand Stellung nehmen können; ausserdem wird das eigentlich mathematische Gebiet, durch die Tendenz des Verfassers vielleicht sehr erheblich, durch den Gehalt der Schrift aber unmittelbar nur sehr wenig berührt. Für ein glückliches schriftstellerisches Debut kann ich deshalb diese erste Veröffentlichung meines Collegen auch keineswegs halten, ... Wie aber auch das schliessliche Urtheil über die Bedeutung und die Tragweite der von Dr. Frege entwickelten Idee sich stellen mag, soviel scheint mir in keinem Falle zweifelhaft: erstens, dass ein Mann, bei dessen mathematischen Arbeiten nebenbei eine logische Studie von so allgemeiner Tendenz abfällt, in seinem wissenschaftlichen Haushalt gewiss nicht von der Hand in den Mund lebt; zweitens, dass die Art, wie in der kleinen Schrift die abstractesten logischen und mathematischen Probleme gefasst und diskutirt werden, durchweg das Gepräge originaler Forschung trägt und eine nicht gewöhnliche geistige Kraft verräth. Diesen Eigenschaften werden, unter den Mathematikern, auch Solche den schuldigen Respekt nicht versagen, die im Uebrigen an so subtilen Untersuchungen über den formalen Zusammenhang der Erkenntniss wenig Geschmack finden möchten.FN16

Frege wurde auf Grund des Abbeschen Gutachtens zum außerordentlichen Professor berufen, wobei der Kurator der Universität seinem Antrag an das Staatsministerium in Weimar allerdings eine Information über eine weit günstigere Einschätzung der Begriffsschrift durch Lasswitz FN17 in der Jenaer Literaturzeitung beifügte.

Mit der Berufung war neben dem höheren sozialen Prestige auch eine Besoldung Freges verbunden, die aber vergleichsweise bescheiden ausfiel. Freges finanzielle Situation verbesserte sich erst 1886 durch direkte, für Frege aber unbekannt gebliebene Intervention Ernst Abbes. In diesem Jahr errichtete Abbe mit Mitteln aus dem ihm zustehenden Gewinn des Zeiss-Unternehmens den Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke, der zunächst über ein Finanzvolumen von jährlich 6000 Reichsmark verfügte und vom Großherzoglich Sächsischen Staatsministerium Weimar verwaltet wurde. Zweck des Fonds war die Unterstützung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Lehrgebiets. In seiner Erklärung vom 13. 5. 1886 bittet sich Abbe die Berücksichtigung einiger Wünsche bezüglich der erstmaligen Verfügung über die gestiftete Summe aus. Der erste und wichtigste dieser Wünsche betrifft die Verbesserung der Besoldung Gottlob Freges:

So lange etatmäßige Mittel nicht vorhanden sind, um dem Professor Frege ein angemessenes Gehalt zu gewähren, bitte ich, daß demselben aus dem genannten Fonds als Remunation so viel zugebilligt werden möge, daß seine gesammten Bezüge den Betrag von beiläufig 2000 Mk erreichen. FN18

Es folgt auf anderthalb handschriftlich eng beschriebenen Seiten die Begründung für diesen Antrag, dessen Annahme in einem Schreiben vom 30. Mai 1886 durch das Staatsministerium Weimar mitgeteilt wird. In den folgenden Jahren wurde der Universität Jena für Frege aus den Mitteln des Ministerialfonds jährlich ein Betrag von 1300 Mark für Frege zugewiesen, wodurch sich dessen Gehalt auf die von Abbe geforderten 2000 Mark jährlich erhöhte. Frege erhielt damit nahezu die Hälfte aller regelmäßig vergebenen Mittel des Ministerialfonds.

Frege läßt in seiner oben zitierten Tagebuchnotiz vom 10. 3. 1924 die bedeutende Unterstützung unerwähnt, die der Universität Jena durch die von Abbe im Jahr 1889 geschaffene Carl-Zeiss-Stiftung und den bereits vorher 1886 von Abbe gestifteten Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke zuteil wurde, obwohl ihm Aufwendungen der Zeiss-Stiftung für die Universität sicherlich bekannt waren. Anzunehmen ist aber, daß sich Frege der Quelle der für ihn so wichtigen und in der damaligen Zeit ungewöhnlichen finanziellen Hilfe durch den Ministerialfonds und später durch die Carl-Zeiss-Stiftung nicht bewußt war. Ganz sicher wußte er nicht, daß er diese Hilfe der direkten Intervention von Ernst Abbe verdankte, denn Abbe war streng darauf bedacht, zu seinen Lebzeiten nicht als persönlicher Stifter derartiger Hilfen bekannt zu werden. FN19 Es könnte gerade Frege gewesen sein, auf den sich Abbe in der durch Auerbach berichteten bitter-ironischen Weise bezieht: "Besonderen Spaß machte es ihm, sich Angriffe auf den Charakter seiner Bestrebungen aus dem Munde von Personen anzuhören, die aus dem Ertrage der Stiftungen Gehalt und Unterstützung erhielten; und er begnügte sich in solchen Fällen damit, sich im stillen zu denken: Na, du weißt auch nicht, daß du den Ast absägen willst, auf dem du sitzest."FN20

Ernst Abbe achtete auch in den folgenden Jahren im Zusammenhang mit der Errichtung der Carl-Zeiss-Stiftung darauf, daß die Unterstützung Freges als Stiftungsprofessur festgeschrieben wurde.
Die umfangreiche Förderung wissenschaftlicher Arbeit der Jenenser Universität durch die Carl-Zeiss-Stiftung war nicht auf vordergründige Interessen des Zeiss-Unternehmens ausgerichtet, sondern sollte - wie im Statut der Stiftung festgelegt - "der Förderung rein wissenschaftlicher Studien und Forschungen im ganzen Bereich der naturwissenschaftlichen und mathematischen Lehrfächer, ohne Rücksicht auf die näheren Interessen der Stiftungsbetriebe"FN21 dienen. Die Förderung der wissenschaftlichen Tätigkeit Freges lag also ganz im Sinne des Statuts der Stiftung. Eine unmittelbar Frege betreffende Verbesserung der Ausstattung der Mathematik wird festgehalten: "Der hier angesprochenen Absicht gemäß sollen die Mittel der Stiftung in erster Linie dienen: 1. Zur Begründung und Erhaltung neuer Lehrstühle und Anstalten, die für die Erweiterung und Belebung der wissenschaftlichen Tätigkeit der Universität wünschenswert erscheinen als welche ich namentlich bezeichne: eine Professur für theoretische Physik, eine ständige 3. Professur für Mathematik (gegenwärtig zwar schon vorhanden, aber nur provisorisch dotiert), und später, wenn die Erneuerung der Sternwarte zum Abschluß gelangt sein wird, eine Professur für Astronomie."FN22

Mit der dritten Professur für Mathematik ist die Umwandlung der Fregeschen außerordentlichen Professur in eine ordentliche Honorarprofessur angesprochen. Es dauerte aber noch bis 1896 ehe Frege, wieder unter Einflußnahme Abbes, endlich zum ordentlichen Honorarprofessor ernannt wurde.

FN1 Vgl.: Kreiser, Lothar: Freges außerwissenschaftliche Quellen seines logischen Denkens. In: I. Max/W. Stelzner, Logik und Mathematik. Frege-Kolloquium Jena 1993. Berlin/New York, 218-225.
FN2 Detaillierte Informationen zu Leo Sachse, seiner Verbindung zu Gottlob Frege und den philosophischen Auffassungen Leo Sachses sind in dem Band Frege in Jena. Beiträge zur Spurensicherung, hrsg. v. Gottfried Gabriel u. Wolfgang Kienzler, Würzburg 1997 [= Kritisches Jahrbuch der Philosophie, Bd. 2 (1997), Thüringische Gesellschaft für Philosophie Jena] enthalten: Lothar Kreiser: Freges Universitätsstudium - warum Jena? (33-40), Torsten Heblack: Wer war Leo Sachse? (41-52), Gottfried Gabriel: Leo Sachse, Herbart, Frege und die Grundlagen der Arithmetik (53-67).
FN3 Vgl.: Eucken, Rudolf: Lebenserinnerungen. Ein Stück deutschen Lebens. Leipzig 1922, S. 28.
FN4 Vgl.: Frege, Gottlob: Nachgelassene Schriften und wissenschaftlicher Briefwechsel. Band I: Nachgelassene Schriften. Herausgegeben von H.Hermes/F.Kambartel/F.Kaulbach, 2., erw. Aufl., Hamburg 1983: Dialog mit Pünjer über Existenz (60-75) und 17 Kernsätze zur Logik (189-190). Auf diesen Band wird sich im folgenden mit Nachgelassene Schriften bezogen.
FN5 Frege, Gottlob: Begriffsschrift, eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens. Halle a.S. 1879. Im folgenden wird dieses Werk mit Begriffsschrift zitiert.
FN6 Frege, Gottlob: Die Grundlagen der Arithmetik. Breslau 1884. Zitate nach der Ausgabe: Stuttgart 1987. Im folgenden wird sich darauf mit Grundlagen bezogen.
FN7 Zur Geschichte dieser Adoption vgl.: Kreiser, Lothar: Alfred. In: Gottfried Gabriel/Wolfgang Kienzler (Hrsg.), Frege in Jena. Beiträge zur Spurensicherung, Würzburg 1997 [= Kritisches Jahrbuch der Philosophie, Bd. 2 (1997), Thüringische Gesellschaft für Philosophie Jena], 68-83.
FN8 Frege, Gottlob: Grundgesetze der Arithmetik. Band I, Jena 1893. Band II, Jena 1993. Im folgenden wird sich darauf mit Grundgesetze bezogen.
FN9 Vgl.: Kreiser, Lothar: Die Hörer Freges und sein Briefpartner Alwin Korselt. Wittgenstein Studies 1 (1995), Wien, File 24-1-95. Auch: Kratzsch, Irmgard: Material zu Leben und Wirken Freges aus dem Besitz der Universitätsbibliothek Jena. In: Begriffsschrift, Jenaer Frege-Konferenz 1979. Jena 1979, 534-546.
FN10 Vgl.: Kreiser, Lothar: Zur Geschichte des wissenschaftlichen Nachlasses Gottlob Freges. Ruch Filozoficzny 33 (1974), 42-47, S. 47.
FN11 Vgl. Dathe, Uwe: Frege in Jena. Dissertation A, Leipzig 1992 (unveröffentlicht).
FN12 Frege, Gottlob: Tagebuch, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 42 (1994), 1067-1098, S. 1068f.
FN13 Auerbach, Felix: Ernst Abbe: Sein Leben, sein Wirken, seine Persönlichkeit, Leipzig 1918, S. 114.
FN14 Universitätsarchiv Jena, Bestand BA 458, Bl. 144.
FN15 Universitätsarchiv Jena, Bestand M 459, Bl. 92.
FN16 Universitätsarchiv Jena, Bestand M 459, Bl. 92f.
FN17 Lasswitz, Kurt: Rezension der Begriffsschrift, in: Jenaer Literaturzeitung VI (1879), S. 248-249.
FN18 Privatakten des Wirklichen geheimen Rats Dr. von Eggeling betreffs der Carl-Zeiss-Stiftung, Band I, 1886, 1890. Archiv der Zeiss GmbH Jena, 01703 Geschäftsleitung, 1.18re, k II/10, Bl. 4.
FN19 Die Lebenszeit Abbes betreffend wird im 6 der Stiftungsurkunde von 1889 festgelegt: "Die Stiftung ist streng geheim zu halten und zu diesem Behuf auch ihre Wirksamkeit möglichst der Öffentlichkeit zu entziehen. Insoweit es während der angegebenen Zeit einer Bezeichnung der Stiftung überhaupt bedarf, soll man sich statt ihres wahren Namens der Bezeichnung "Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke" bedienen." (Vgl.: Schomerus, Friedrich: Werden und Wesen der Carl-Zeiss-Stiftung, 2., durchgesehene und ergänzte Auflage, Stuttgart 1955, S. 81).
FN20 Auerbach, Felix: Ernst Abbe. Sein Leben, sein Wirken, seine Persönlichkeit, Leipzig 1918, S. 464.
FN21 Abbe, Ernst: Gesammelte Abhandlungen, Band 3, Jena 1921, S. 310.
FN22 Schomerus, Friedrich: Werden und Wesen der Carl-Zeiss-Stiftung, 2., durchgesehene und ergänzte Auflage, Stuttgart 1955, S. 88.