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Mit
Jena hatte sich Frege
1869 einen Studienort gewählt, der noch völlig dem
traditionellen Bild der deutschen Universitätsstadt entsprach,
in dem aktuelles Geschehen und Traditionen durch die
unauflösliche Verbindung von Stadt und Universität
bestimmt waren. Eingebettet in das herrliche Saaletal, umgeben von bis
zu 300 m aufragenden hellen Kalkfelsen, von Wäldern und
Feldern, ungestört von industriellen Einflüssen, mit
milden klimatischen Bedingungen, herrschten hier geradezu idyllische
Verhältnisse. Selbst die in anderen deutschen Städten
längst zum Alltag gehörende Eisenbahn machte bis 1876
noch einen Bogen um Jena. In Freges Jenenser Zeit fällt der
Aufstieg Jenas von dem durch die Menschen und ihre unmittelbaren
Beziehungen geprägten Universitätsstadt
zum industriellen Zentrum, in dem die Universität nicht mehr
dominierend ist, wo sich aber Industrie und Wissenschaft in einer
einzigartig fruchtbaren Weise verbinden und sich gegenseitig
ergänzen. bis Mitte des 19. Jahrhunderts ![]() Erste Erwähnung fand die Siedlung Jani, aus der dann Jena hervorgegangen ist, um die Jahre 839/850 in einem Hersfelder Zinsregister. Diese Siedlung lag an einer Saalefurt an der Ostgrenze des Frankenreiches, nahe an slawischem Siedlungsgebiet, auf das noch heute Namen von Ortschaften wie Nerkewitz, Kospeda, Zwätzen hinweisen. Seit dem 12. Jahrhundert unterstand das Dorf Jene den Herren von Lobdeburg und entwickelte sich zu einem Handwerks- und Handelsplatz. Bekannt wurde Jena auch als Münzstätte. Das wichtigste Gewerbe war aber weiter die Landwirtschaft, vor allem der an den Saalehängen betriebene Weinbau. Das Stadtrecht wurde Jena um 1230 verliehen. Im 13. Jahrhundert wurden bereits Stadtbefestigungen angelegt, die mit der Erweiterung der Stadt weiter ausgebaut wurden. Von besonderer Bedeutung bis ins 20. Jahrhundert hinein ist der im Jahre 1331 erfolgte Übergang Jenas in den Besitz des Wettiner Adelsgeschlechts. Im 14./15. Jahrhundert entwickelte sich Jena zu einem wirtschaftlichen Zentrum des thüringischen Gebietes. Weinbau und entwickelte Handelsbeziehungen waren die wichtigsten Grundlagen des wirtschaftlichen Gedeihens Jenas, auf deren Basis immer mehr Feudalrechte an die Stadt und ihren Rat übergingen. Um 1485/86 spaltete sich das Wettiner Haus in den Leipziger und den Altenburger Zweig. Jena wurde dem Kurfürst Ernst zugeschlagen und verblieb bis nach Ende des 1. Weltkrieges im Hoheitsbereich der ernestinischen Linie. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts hatte Jena für damalige Verhältnisse ansehnliche 3800 Einwohner. Im Verlaufe der Reformation kam 1524 Luther nach Jena, um sich mit dem radikaleren Prediger Andreas Karlstadt und dessen Anhängern auseinanderzusetzen. Am 22. August 1524 trafen sich Luther, Karlstadt und dessen Jenenser Anhänger Martin Reinhard und G. Westerburg zu einem Streitgespräch in der Gaststätte Zum schwarzen Bären. Während des Bauernkrieges wurden durch Anhänger Thomas Müntzers in Jena die Klöster der Dominikaner und Karmeliter gestürmt. Die Stadt beteiligte sich dann mit 100 Bewaffneten an der Niederwerfung des Müntzerschen Heeres am 15. Mai 1525. Im Ergebnis der Reformation wurden die Klöster in Jena säkularisiert und eine Stadtschule eingerichtet. Von weit größerer Bedeutung für Jena und den gesamten Thüringer Raum war aber der Entschluß von Kurfürst Johann Friedrich I., dem Großmütigen, im Jahre 1548 eine Hohe Schule, das Akademische Gymnasium in Jena zu gründen, die ihren Platz im ehemaligen Dominikanerkloster fand. Johann Friedrich I. wollte damit Ersatz für die Universität Wittenberg schaffen, die er im Schmalkaldischen Krieg von 1546/47 zusammen mit dem sächsischen Kurkreis und der Kurwürde verloren hatte. Die sofortige Gründung einer neuen Universität scheiterte am Widerstand von Karl V.
Die
Eröffnung der Hohen Schule fand am 19. Mai 1548 statt und mit
zwei Wittenberger Melanchton-Schülern, Johannes Stigel (Poet
und erster Rektor) und Victorin Strigel (Theologe und Philosoph),
wurden die ersten Professoren der Hohen Schule berufen, in deren
Matrikel sich bis Ende 1548 bereits 171 Studenten eingetragen hatten.
Durch die ernestinischen Teilungen von 1572 und 1640 gehörte Jena zum Herrschaftsgebiet der Herzöge von Sachsen-Weimar. Die Erhaltung der Universität blieb aber weiter Aufgabe der aus den Teilungen hervorgegangen Staaten Sachsen-Weimar, Sachsen-Altenburg, Sachsen-Meiningen und Sachsen-Coburg-Saalfeld. Die Universität nahm als thüringische Territorialuniversität eine gute Entwicklung und verfügte bereits 1596 über 760 eingeschriebene Studenten. Einen großen Rückschlag brachte der Dreißigjährige Krieg, in dem Jena 1637 durch kaiserliche Truppen verwüstet wurde und bis Ende des Krieges über ein Jahrzehnt lang unter wechselnden Besatzungen zu leiden hatte. Im Gefolge dessen erreichten auch die Studentenzahlen 1641/42 mit 250 Studenten einen Tiefpunkt, von dem sich die Universität bis 1690 aber soweit erholte, daß in diesem Jahr 1200 Studenten eingeschrieben hatten. Mitten im Dreißigjährigen Krieg, 1633, verbesserte sich die wirtschaftliche Selbständigkeit der Universität entscheidend: Bis zu diesem Jahr war die Universität vollständig auf unmittelbare Staatszuschüsse von den Erhalterstaaten angewiesen. Nach Überschreibung der Güter Remda und Apolda war die Universität in der Lage, ihre Finanzen genauer zu planen, und sie konnte drei Viertel der Besoldungen selbst decken, wodurch sich natürlich auch die Freiheit der Universität in den eigentlichen Universitätsbelangen erhöhte. Diese Bedingungen wurden von der Universität hervorragend benutzt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts rückte die Universität an die Spitze der deutschen Universitäten und erlangte gesamteuropäische Bedeutung. Als herausragender Erneuerer der Wissenschaft dieser Zeit gilt Erhard Weigel (1625-1699), der 1653 an die Jenenser Universität berufen wurde und hier vor allem in der Philosophie und Mathematik wirkte. Mit seiner Betonung der Mathematik als Grundlage aller Wissenschaften, auch der Philosophie, nahm er eine Hauptforderung des französischen Philosophen Rene Descartes auf. Durch die Betonung mathematischer Berechnungen, des Experimentierens und der Naturbeobachtung als Grundlagen dogmenfreier Wissenschaft setzte er sich in Gegensatz zur herrschenden scholastischen Wissenschaftsauffassung und wurde zum bedeutendsten Vertreter der Jenaer Frühaufklärung. Sein Ruf verbreitete sich bereits während seines langjährigen, von 1653 bis 1699 dauernden Wirkens an der Universität weit über die Grenzen Jenas und Thüringens hinaus und zog eine Vielzahl bedeutender Schüler an, die später selbst im Sinne Weigels die antidogmatische und antischolastische Erneuerung der Wissenschaften vorantrieben. Sein berühmtester Schüler ist ohne Zweifel Gottfried Wilhelm Leibniz, auf dessen Idee der lingua charcteristica universalis, einer umfassenden formalisierten Kalkülsprache als Teil der scientia generalis, der Universalsprache der Wissenschaft, sich später auch Gottlob Frege als Ideengeber für sein Werk der Neubegründung der Logik berufen konnte. Die Universität Jena wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zum wichtigsten Platz der deutschen Frühaufklärung unter den protestantischen deutschen Universitäten. Die überregionale Bedeutung Jenas in dieser Zeit erhellt auch daraus, daß zwischen 1652 und 1723 Thüringer nur einen geringen Anteil der Studenten ihrer Landesuniversität stellten. Nahezu drei Viertel waren Ausländer, zu denen freilich auch die nichtthüringischen Deutschen gezählt wurden. Eine besondere Anziehungskraft übte der hohe Stand der in Jena vertretenen Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften und Medizin aus. Durch ihren Aufschwung wurde die Universität zu einem beachtlichen Wirtschaftsfaktor in Jena. Handel und Handwerk profitierten in bedeutendem Maße von der Universität. Jena wurde neben Leipzig ein Zentrum des deutschen Verlagswesens und der Buchdruckerei. Auch die Bautätigkeit wurde stark belebt. In die Periode des Barock fällt auch die kurze geschichtliche Episode, in der Jena zur Residenzstadt des von 1672 bis 1690 existierenden, nur 515 km2 großen Herzogtums Sachsen-Jena erhoben wurde. Auch
im ersten Drittel des 18. Jahrhundert war die Jenenser
Universität stark von Studenten frequentiert. Mit
über 700 jährlichen Einschreibungen und einer
Gesamtzahl von 1800 Studenten - eine Studentenzahl, die Jena erst im
20. Jahrhundert wieder erreichte - verfügte Jena im zweiten
Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts über die am stärksten
besuchte deutsche Universität. Danach blieb Jena allerdings
gegenüber anderen deutschen Universitäten
zurück. Das drückte sich auch in sinkenden
Studentenzahlen aus. Von 1761 bis 1777 studierten durchschnittlich nur
noch 700 Studenten in Jena, was die wirtschaftliche Lage Jenas
erheblich belastete. Einen
neuen Aufschwung erlebte Jena und seine Universität mit der
Regierungszeit von Herzog Carl August und dem Wirken Goethes in Weimar
und Jena. Die Universität erlebte so zwischen 1785 und 1819
eine neue Blütezeit. Für kurze Zeit wurde Jena sogar
nach Halle zur zweitgrößten deutschen
Universität. Trotzdem teilte Jena mit anderen deutschen
Universitäten um die Jahrhundertwende das Schicksal sinkender
Studentenzahlen. Viele deutsche Universitäten schlossen in
dieser Zeit ihre Pforten:FN1
Diesen zweiundzwanzig Universitätsschließungen standen nur vier Ersatzgründungen gegenüber: 1802 Landshut, 1808 Aschaffenburg (1811 wieder geschlossen), 1809 Berlin und 1818 Bonn. Auch in Jena hing die Gefahr der Schließung der Universität wie ein Damoklesschwert über der Stadt. Bis in die 70er Jahre des 19. Jahrhunderts verstummten die Diskussionen und Gerüchte darüber nicht. Zumindest um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert wurde allerdings die Existenz der Universität Jena durch den auf Wissenschafts- und Kunstförderung bedachten Weimarer Hof nicht zur Disposition gestellt: "An eine Schließung der Jenaer Universität ist ernsthaft nie gedacht worden, so schwer auch die finanziellen Lasten auf die Regierung gedrückt haben mögen. Ja, selbst Besuchsverbote, die Kursachsen, Preußen u.a. gegen Jena verhängten, haben schließlich doch nur dazu geführt, den guten Ruf unserer Universität als Hort der Freiheit nicht nur wachzuhalten, sondern zu stärken."FN2 Nachdem
sich Jena schon als Zentrum der Frühaufklärung und
des Frühkantianismus einen Namen gemacht hatte, wird die
Universität in die beiden Jahrzehnte um die Jahrhundertwende
zum Zentrum der Philosophie des klassischen deutschen Idealismus, der
seine Weltgeltung bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Philosophen
wie Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg
Wilhelm Friedrich Hegel gaben dieser Philosophie in Jena ihr
Gepräge. Von
längerer unmittelbarer Wirksamkeit in Jena war die Berufung
des vor allem naturphilosophisch bedeutenden Kantianers Jakob Friedrich
Fries (1773-1843), der Jena zwar 1806 verlassen hatte, über
Heidelberg aber 1816 wieder nach Jena zurückkehrte und hier
bis an sein Lebensende wirkte. FN1
Vgl.: Koch, Herbert: Geschichte
der Stadt Jena. Stuttgart 1966,
S. 242. |