Dienstag, 26. März 2002

17:00, Kunstmuseum

Der 26. März 2002 stellte sich als ein sehr ungewöhnlicher, oder besser gesagt, etwas unangenehmer Tag für mich raus. Ich hatte schon seit Wochen mit einer Freundin geplant, das Kunstmuseum hier an der Universität zu besuchen, da eine vielversprechende Vorstellung namens "Women Who Ruled" über heroische Fraün in dem Zeitraum von 1500-1650 gezeigt wurde. Als wir endlich zu dem Entschluss kamen, es an dem Dienstag zu besuchen (26. März), wurde mir später bewusst, dass ich zu dieser Zeit ja versprochen hatte, ein Foto für Deutsch zu machen. Ich war mir nicht sicher, ob man in dem Museum hier Fotoapparate mitbringen dürfte, aber ich nahm mir vor, es einfach zu versuchen, denn ich wollte selber auch ein paar Kunstwerke fotografieren, sollte ich an ihnen Gefallen finden. Wenn ich jetzt über diesen Dienstag nachdenke, wird mir bewusst, dass ich Glück hatte, mein Foto gemacht zu haben, aber ich glaube nicht, dass ich bald so wieder mit einer Fotokamera ein Museum (wenigstens nicht das Kunstmuseum an der Universität Michigan) besuchen werde.

Die Ausstellung "Women Who Ruled" ist nur zeitweilig in dem Kunstmuseum hier zu sehen, also war das Museum fast voll, als ich es besuchte. Ich muss zugeben, dass ich ein eher unwohles Gefühl hatte, als ich meinen Fotoapparat in meiner Jacke vor dem Türsteher versteckte, denn ich hatte eine Vorahnung, dass dies der falsche Ort war, um Bilder zu schiessen. Was ich nicht ahnte, ist, dass mein Besuch hier sehr kurzfristig sein würde.

Die Treppe hinaufsteigend, auf meinem Weg zu der Vorstellung bemerkte ich, dass es schon zehn Minuten vor fünf war, also wusste ich, dass mein Bild bald gemacht werden sollte. In diesen zehn Minuten war ich einfach überwältigt von der Schönheit der zwei Bilder, die ich in dieser kurzen Zeit betrachten konnte. Beide Bilder waren Portraits von Fraün und es war faszinierend, wie realistisch sie aussahen und wie jeder Einzelteil von diesen Fraün mit grossem Detail gemalt wurde. Um genau fünf Uhr stand ich vor einem neün Bild, und schnell nahm ich meine Fotokamera raus um es zu fotografieren. Um sicher zu sein, dass dies mir gelingt, schoss ich es gleich zweimal. Zu dieser Zeit hatte ich das Bild noch nicht begutachtet, also sollte es auch eine überraschung für mich sein. Als ich mich dem Kunstwerk näherte, konnte ich einen Mann sehen, der in meine Richtung zeigte und mir entgegenkam. Natürlich hatte ich eine Vorahnung warum, und ich war mir schon sicher, dass ich mein Foto verlieren werde.

Der Mann guckte mich ein bisschen wütend an und wollte wissen, was ich mir dachte, ein Bild von einer Spezialvorstellung zu machen. Ich war fast sprachlos, und allmählich fing ich an, mich sogar schuldig zu fühlen als ich ein wenig vortäuschte, nicht gewusst zu haben, dass man keine Fotos in dem Museum schiessen dürfte. Für einen Moment stand der Mann reglos vor mir, als ich ihm anbot, den Film aus meiner Fotokamera zu nehmen. Zu meinem Glück beschloss er aber, dass er das ausnahmsweise heute nicht tun würde, aber nächstes Mal...nein, ich glaube nicht, dass es ein "nächstes Mal" geben wird (wenigstens nicht in diesem Kunstmuseum und auch nicht in der nahen Zukunft). Als der Mann sich von mir abwendete, konnte ich endlich das Bild betrachten, das mir schon so viel ärger gebracht hatte und ich muss zugeben, dass es einfach bezaubernd aussah. Das prächtige, aus Seide gemachte Kleid der Frau, ist so nauturgetreu gemalt, man kann es fast schon anfassen; und das schwarze, transparente Tuch, ebenfalls aus Seide, das ihren Kopf und ihre Schultern bedeckt, verleiht der Frau etwas Trauriges aber auch Edeles. An ihrem Gesichtsausdruck ist ihr Leid leicht zu erkennen, und die teilweise neugierigen und teilweise bekümmerten Diener lassen den Betrachter ahnen, dass etwas Unerwartetes passiert.

Das gerade von mir beschriebene Kunstwerk soll "Artemisia" darstellen und wurde von Gerrit van Honthorst in den Jahren 1632-1635 gemalt. Es soll einen Moment von der von Valerius Maximus geschriebenen Geschichte "Artemisia" wiedergeben, in der die Frau namens Artemisia, die Zentralfigur ist. Diese Geschicht erzählt, dass Artemisia nach dem Tod ihres Mannes ungeheürlich leidet, da sie ihm so ergeben ist. In einer nie zuvor gesehenen Tat, beschliesst sie, die Asche ihres Mannes in eine Flüssigkeit zu mischen, und diese Flüssigkeit dann zu sich zu nehmen. Dieser Moment, in dem Artemisia wehmütig ein Glas hochhält, um die Flüssigkeit zu empfangen, wird in Honthorst's Kunstwerk abgebildet, und das mit hervorragender Fähigkeit.

Mit der Asche ihres Mannes in ihrem Körper wollte Artemisia aus sich selbst ein "lebendes und atmendes Grabmal" machen. In ihrer Zeit wurde sie als ein Sinnbild der Hingabe einer Witwe zu ihrem Mann gesehen, und deshalb als ein Vorbild von vielen Fraün und Witwen gehalten. Die Reinheit, die Artemisia symbolisieren soll, ist dem Künstler sehr gelungen, und es ist fast unmöglich das Bild zu betrachten ohne davon gerührt zu sein. Leider habe ich erst später gesehen, dass mein Foto nicht sehr deutlich ist, aber ich hatte nicht den Mut, mich wieder in das Kunstmuseum mit meinem Fotoapparat zu traün.

Nach meiner kleinen Lehre über das Fotografieren in dem Kunstmuseum, wollte ich eigentlich so schnell wie möglich aus dem Museum flüchten, obwohl ich leider nicht einmal die Hälfte der Ausstellung zu sehen gekriegt hatte; da ich mir aber nicht sicher war, ob der Mann sich die Sache mit dem Fotoapparat überlegen würde, wollte ich das auf keinen Fall riskieren und deshalb verliess ich das Museum innerhalb von einer halben Stunde. Natürlich war es unerlässlich, dass der Türsteher (eine Frau) sich über mich lustig machen musste, als sie bemerkte, wie schnell ich doch durch die ganze Vorstellung geflogen bin. Wenigstens wusste sie nicht, über meine Fotokamera bescheid, und in diesem Moment war das fast schon befriedigend für mich, besonders nach ihrer versuchten Demütigung.

Wenn ich mir das Foto jetzt betrachte, bin ich sehr froh es geschossen zu haben. Die Geschichte von "Artemisia" war mir vorher unbekannt und vielleicht hätte ich nie von ihr erfahren, hätte ich das Bild nicht fotografiert. Genauso wie die Geschichte selbst ist das Kunstwerk von "Artemisia" höchst bemerkenswert und hat mich persönlich sehr gerührt. Schliesslich wird es mich auch immer an den etwas unerwarteten Zwischenfall in dem Kunstmuseum erinnern, obwohl ich nicht denke, dass ich das Museum sehr bald wieder besuchen werde. Wer hätte gedacht, dass ein Museum so anstrengend sein kann? P.S. Meine Freundin will nicht so bald wieder ein Museum mit mir besuchen, sagt sie jedenfalls.




Valida Bajrovic

 PREV

 MAIN PAGE

 NEXT