Dienstag, 13. November 2001

9:00 Spielplatz von Dicken Elementary

Um neun Uhr morgens ist alles still in unserer Gegend. Die Kinder sind in die Schule gegangen oder mit dem Bus hingefahren. Aus der Ferne kann man ihre hohen Stimmen hören. Die alten Leute bleiben zu Hause. Später werden sie im Garten arbeiten oder zum Lebensmittelgeschäft fahren. Fast alle Eltern sind mit dem Auto zum Büro gefahren. Es gibt kaum Verkehr, außer vor Dicken Elementary.

Hinter der Schule haben die Bäume ihre Blätter verloren, Spielplatz und Sportplatz sind leer. Es ist reiner Herbst. Der Himmel verspricht keine Wärme. Man kann keine Wolke sehen, nur grau und blau. In diese Landschaft des schönen Todes hinein kommt ein Junge. Er läuft, weil er verspätet ist.

Ich weiß nicht, wer dieser Junge ist, nur, daß er klein und zerbrechlich ist. Ich nehme an, daß er von seinen Eltern geliebt wird. Hat er Großeltern? Geschwister? Eine Tante oder einen Onkel? In welche Haus wohnt er? Was für Träume hat er? Was will er werden, wenn er älter ist?

Er läuft, weil er verspätet und auch jung ist. Woran denkt er? Vielleicht an die Schule oder an seine Hausaufgabe. (Hat er sie vergessen?) Vielleicht an das Fußballspiel oder an seine Freunde oder an Harry Potter. (Der Film öffnet dieses Wochenende.) Es gibt eine ganze Welt in diesem unbekannten Jungen, der in diesem Bild so klein und verwundbar scheint.

Hinter ihm steht sein Haus, vor ihm die Schule. Zwischen den beiden gibt es einen leeren Spielplatz, den er nicht benutzen kann, weil er es so eilig hat. Und so in gewisser Hinsicht ist dieses Bild ein Abschied: von dem Haus, von den Eltern, von der Kindheit. Vom Sicheren und vom Bekannten. Er läuft bis an die Schule, in der dieser noch unfertig Junge eine neue Welt treffen wird. Es freut mich, daß er auf diese Welt zu laufen will.

Können die Leute, die in den umliegenden Häusern wohnen, an ihre Schulzeit sich erinnern? Haben sie immer noch solchen Appetit zu lernen?

Und dieser graublaue Himmel: wieviel Kinder hat er von Jahr zu Jahr gesehen, und was weiß er von diesem endlosen Lebenszyklus?

Man kann sich so leicht über das Leben der amerikanischen Vororte lustig machen. Außenseitern scheint dieses Leben immer das Gleiche zu sein. Was sie nicht so leicht sehen können, ist Folgendes: in jedem Haus gibt es kleine Leben, deren Träume und Bemühungen und Enttäuschungen bedeutungsvoll sind. Dieser Junge kommt aus solch einem Haus, und er bringt es mit sich.

Wie der Junge können wir weder unseren Anfang zurückholen noch unsere Zukunft vorhersagen. Wir können nur die Reise unternehmen. Mögen wir es laufend tun.

Leslie Stainton

 PREV

 MAIN PAGE

 NEXT