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Um neun
Uhr morgens ist alles still in unserer Gegend. Die Kinder sind
in die Schule gegangen oder mit dem Bus hingefahren. Aus der
Ferne kann man ihre hohen Stimmen hören. Die alten Leute
bleiben zu Hause. Später werden sie im Garten arbeiten oder
zum Lebensmittelgeschäft fahren. Fast alle Eltern sind mit
dem Auto zum Büro gefahren. Es gibt kaum Verkehr, außer
vor Dicken Elementary.
Hinter der Schule haben die Bäume ihre Blätter verloren,
Spielplatz und Sportplatz sind leer. Es ist reiner Herbst. Der
Himmel verspricht keine Wärme. Man kann keine Wolke sehen,
nur grau und blau. In diese Landschaft des schönen Todes
hinein kommt ein Junge. Er läuft, weil er verspätet
ist.
Ich weiß nicht, wer dieser Junge ist, nur, daß er
klein und zerbrechlich ist. Ich nehme an, daß er von seinen
Eltern geliebt wird. Hat er Großeltern? Geschwister? Eine
Tante oder einen Onkel? In welche Haus wohnt er? Was für
Träume hat er? Was will er werden, wenn er älter ist?
Er läuft, weil er verspätet und auch jung ist. Woran
denkt er? Vielleicht an die Schule oder an seine Hausaufgabe.
(Hat er sie vergessen?) Vielleicht an das Fußballspiel
oder an seine Freunde oder an Harry Potter. (Der Film öffnet
dieses Wochenende.) Es gibt eine ganze Welt in diesem unbekannten
Jungen, der in diesem Bild so klein und verwundbar scheint.
Hinter ihm steht sein Haus, vor ihm die Schule. Zwischen den
beiden gibt es einen leeren Spielplatz, den er nicht benutzen
kann, weil er es so eilig hat. Und so in gewisser Hinsicht ist
dieses Bild ein Abschied: von dem Haus, von den Eltern, von der
Kindheit. Vom Sicheren und vom Bekannten. Er läuft bis an
die Schule, in der dieser noch unfertig Junge eine neue Welt
treffen wird. Es freut mich, daß er auf diese Welt zu laufen
will.
Können die Leute, die in den umliegenden Häusern wohnen,
an ihre Schulzeit sich erinnern? Haben sie immer noch solchen
Appetit zu lernen?
Und dieser graublaue Himmel: wieviel Kinder hat er von Jahr zu
Jahr gesehen, und was weiß er von diesem endlosen Lebenszyklus?
Man kann sich so leicht über das Leben der amerikanischen
Vororte lustig machen. Außenseitern scheint dieses Leben
immer das Gleiche zu sein. Was sie nicht so leicht sehen können,
ist Folgendes: in jedem Haus gibt es kleine Leben, deren Träume
und Bemühungen und Enttäuschungen bedeutungsvoll sind.
Dieser Junge kommt aus solch einem Haus, und er bringt es mit
sich.
Wie der Junge können wir weder unseren Anfang zurückholen
noch unsere Zukunft vorhersagen. Wir können nur die Reise
unternehmen. Mögen wir es laufend tun.
Leslie Stainton
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