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Vom Vielfraß und dem einen Volk
oder
Warnung an alle knackigen Berliner

Er steht in der vereinten Stadt
zwischen Baum und Borke :
Die Westler hat er noch nicht satt,
die Ostler schmecken knorke*.

Mit ungeteiltem Appetit
möcht er gern beides kosten:
Amerikanisiertes Meat,
Frischfleisch aus dem Osten.

Und da er maßlos Hunger hat
— und eine große Forke,
frißt er euch alle, Glied für Glied**,
mit Messern, die nie rosten.

*Knorke = auf Berliner Dialekt ist ‘knorke’ Alltagssprache für ‘wunderbar’, ‘toll’, ‘geil’
**Glied = Teil, kann auch ‘Phallus’ bedeuten


Interpretation

Das Gedicht „Vom Vielfaß und dem einen Volk oder Warnung an alle Knackigen Berliner“ von Detlev Meyer ist eine Darstellung des Unterschieds zwischen Ost- und Westberlin und auch eine Illustration der Misslichkeit des homosexuellen Lebens in Berlin. Es spricht von einem Menschen, der sich zwischen zwei entgegengesetzten Welten wiederfindet. Das Gedicht nimmt die Perspektive eines Außenseiters an. Der zentrale Charakter oder „er“ ist ein Kurier, der zwischen Ost- und West-Berlin nach Sinn sucht. Detlev Meyer hat oft über das schwule Leben geschrieben und dieses Gedicht betont nicht nur Homosexualität sondern auch einen kulturellen Unterschied zwischen Ost- und West-Berlin.


In der ersten Strophe sieht man, wie deplaziert „er“ ist. Die zentrale Figur steht „zwischen Baum und Borke“. Dieser alltägliche Ausdruck symbolisiert ein Gefühl von Angst und Unsicherheit, das die Zeit amEnde der Berliner Mauer prägt. Meyer beschreibt eine Stimmung und eine Angst, die viele Deutsche damals fühlten. Am Ende der ersten Strophe schreibt Meyer dass „er“ die Westler noch nicht satt hat. Danach schreibt er "die Ostler schmecken knorke." Hier spielt er darauf an, daß beide Seiten ebenso gut scheinen. Es ist fast unmöglich zwischen den beiden Welten zu wählen. Das impliziert, dass die zentrale Figur noch zwischen Ost und West steht, weil sie sich mit beiden Seiten identifiziert.


Die zweite Strophe spricht über einen „ungeteilten Appetit“. „Er“ möchte etwas von beiden Seiten erfahren; „Amerikanisiertes Meat“ und „Frischfleisch aus dem Osten.“ Beide Ausdrücke symbolisieren die Sehnsucht der zentralenFigur, an beiden Seiten teilzunehmen. Diese Sehnsucht impliziert auch, dass Meyerals Homosexueller in der alltäglichen Welt leben will.

In der letzten Strophe frißt „er“ alle „Glied für Glied, mit Messern, die nie rosten“. „Er“ scheint sich rücksichtlos in die zwei Welten zu werfen. Dabei hat der zentrale Charakter seinen Appetit erfüllt. Der Ausdruck "Glied für Glied" kann als eine sexuelle Metapher gedeutet werden, weil "Glied" auch "Pimmel" in der Alltagssprache bedeuten kann. Vielleicht ist Meyer hier ironisch, weil er dieses Wortspiel benutzt hat. So bringt er in seine Literatur sexuelle Themenhinein, und so benutzt er seine Literatur um Homosexualität in die Diskussion zu bringen.

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